Harte Charaktere, wenig Raum, um Schwäche zu zeigen. Davon wurde die Rap-Szene lange dominiert. Doch das ändert sich zunehmend. Eine neue Studie zeigt, dass in Raptexten immer häufiger auch die mentale Gesundheit eine Rolle spielt.

Das erste Mal, dass ein Rapstar offen über psychische Probleme geredet hat, war Ende der 90er Jahre. Damals thematisierte die Rap-Ikone The Notrious B.I.G. in seinem Song "Suicidal Thoughts" seine düsteren Gedanken zum Thema Selbstmord. Seitdem hat sich viel getan. Das zeigt auch eine neue Studie der Universität von North Carolina. Die Forschenden haben herausgefunden, dass in Raptexten heute deutlich häufiger über psychische Probleme und mentale Gesundheit gesprochen wird als noch vor 20 Jahren.

Ein ganzes Sub-Genre, der Emo-Rap, setzt sich damit auseinander. Im November dieses Jahres hat beispielsweise der Rapper Lil Baby bei der Verleihung der American Music Awards seine Performance mit dem Slogan "Protect your mental health" beendet.

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Sich nicht helfen zu lassen, ist ein sehr männliches Problem. Deshalb komme der offenere Umgang mit diesen Themen auch daher, dass heute deutlich mehr Rapperinnen in der Szene präsent und erfolgreich sind als noch vor 20 Jahren, sagt Jan Kawelke. Er setzt sich im Podcast "Machiavelli" mit Rap und Politik auseinander.

Öffentlicherer Umgang mit Problemen

Den ersten Ruck in Richtung einer öffentlicheren Debatte gab es um 2015 herum. Denn da haben Kanye West und Kendrick Lamar, die Superstars der Rapszene aber auch absolute Mainstream-Künstler, mentale Gesundheit in ihren Songs thematisiert. Kendrik Lamar singt in "I" beispielsweise: "I’ve been dealing with depression, ever since an adolescent."

Aber nicht nur in Songs, sondern auch in Social Media oder Interviews sprechen Rapperinnen und Rapper häufiger über ihre psychischen Probleme. Der Rapper Kid Cuddi hatte 2016 beispielsweise öffentlich in einem Interview verkündet, dass er sich in eine Klinik einweisen lasse, um seine psychischen Probleme behandeln zu lassen.

Der Rap ist nicht die Ursache für gesellschaftliche Probleme

Die Forschenden der neuen Studie zeigen parallel zu der Entwicklung im Rap auch die Entwicklung der Selbstmordrate bei jungen Menschen in den USA auf. Zwischen 2007 und 2017 sei diese dramatisch gestiegen. Einen konkreten Zusammenhang mit dem Rap hat die Studie aber nicht untersucht. Laut Jan Kawelke dürfe der Rap nicht für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht werden. Ganz im Gegenteil: Der Rap halte der Gesellschaft nur einen Spiegel vor.

"Aus meiner Position ist es immer falsch, Rap ist für gesellschaftliche Probleme verantwortlich zu machen. Rap bildet nur sehr direkt ab, was in unserer Gesellschaft passiert."
Jan Kawelke, Podcast-Host des Machiavelli-Podcasts

Und vor allem junge Menschen in den USA haben gerade eine schwierige Zeit: Rassismus, Polizeigewalt, kein Zugang zu einer ordentlichen Gesundheitsversorgung oder die Opiod-Krise belasten die jungen Menschen. Der Rap würde hier eine wichtige Rolle als Stabilisator für diese jungen Menschen einnehmen, sagt Jan Kawelke.

Darüber sprechen ist das A und O

Denn das Wichtigste bei psychischen Problemen und Depressionen ist darüber zu sprechen. Nur das hilft, Stigmata aufzubrechen und Menschen das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine mit ihren Gedanken sind. Da helfe der Rap, sagt Jan Kawelke. Denn er setzte genau an der Kernzielgruppe an: junge schwarze Männer, bei denen das Thema am stärksten tabuisiert werde. Das liege auch oft daran, dass es zu wenige schwarze Therapeuten in den USA gebe, an die sich die jungen Männer werden könnten.

Manchmal sieht diese Hilfe auch ganz konkret aus: Der Rapper Logic hat 2017 einen Song veröffentlicht, dessen Titel "1-800-273-8255" die Nummer eines Hilfetelefons bei Depression ist. Die Veröffentlichung führte zu fast 30 Prozent mehr Anrufen.

Auch im deutschsprachigen Raum verändert sich der Rap

Diese Entwicklung überträgt sich zunehmend auch auf Deutschland. Bekannte Rapperinnen und Rapper wie Keke oder Kummer sprechen offen über ihre Gefühle und thematisieren auch Depressionen. So zum Beispiel im Song "Paradox" der Wiener Rapperin Keke. Was man also unter Stärke versteht und was nicht – das wird auch im Rap immer mehr überdacht. Und eigentlich seien doch diejenigen stark, die es schaffen, zu ihren Schwächen zu stehen, sagt Jan Kawelke.

"Rapperinnen und Rapper sind stark. Denn nichts beweist mehr Stärke, als zu seinen Schwächen zu stehen."
Jan Kawelke, Podcast-Host des Machiavelli-Podcasts

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