Knapp 52 Prozent der Briten stimmen für einen Austritt aus der EU, Premier David Cameron kündigt seinen Rücktritt an und die Finanzmärkte erleben einen Crash. Eine Zusammenfassung.

Vor der Abstimmung hatte David Cameron noch angekündigt, er wolle im Amt bleiben, nun kündigte er doch seinen Rücktritt an. Sinngemäß sagte er, dass es sich jetzt nicht richtig anfühle, das Land als Kapitän zum nächsten Ziel zu führen. Diese Aussage ist vor allem mit Blick auf die anstehenden Verhandlungen mit der EU zu verstehen. Gut, die will er ohnehin seinem Nachfolger überlassen.

Franziska Zecher (DRadio Wissen) über mögliche Gründe für Camerons Rücktritt nach der Brexit-Entscheidung
"Cameron hat so hart und entschieden für diese Sache gekämpft. Das Ergebnis ist eine wirkliche Schlappe für ihn."

Als möglicher Nachfolger von Cameron wird immer wieder Boris Johnson ins Spiel gesbracht. Der frühere Bürgermeister von London war ein wichtiges Zugpferd der Austritts-Kampagne und gilt als sehr populär. Unser London-Korrespondent Gerwald Herter vermutet, dass er vor allem durch seine rhetorischen Fähigkeiten viele Wähler überzeugt hat.

Gerwald Herter in London über mögliche Gründe des Brexit
"Die Leave-Kampagne war genährt von Fremdenfeindlichkeit. Es wurde mit den Ängsten der Leute operiert - davor, dass immer mehr Einwanderer kommen und sie dann keine Jobs mehr haben."

In London selbst war Boris Johnson damit gar nicht so erfolgreich, aber in wirtschaftlich schwachen Regionen, wo sich Menschen abgehängt fühlen. Insofern kann der Brexit auch als Protestwahl gegen die amtierende Regierung verstanden werden. Neben Boris Johnson wird außerdem der britische Justizminister Michael Gove als Nachfolgekandidat von Cameron gehandelt.

Die jungen Briten wollten in der EU bleiben

Im Netz macht eine Grafik vom Meinungsforschungsinstitut YouGov die Runde, wonach die Mehrheit der jungen Briten für einen Verbleib in der EU gestimmt hatte.

Den Nordiren ist das Votum peinlich

In England und Wales hat die Mehrheit für "Leave" gestimmt. In Nordirland und Schottland sieht das anders aus. Da wollte die Mehrheit in der EU bleiben. In Nordirland 56 Prozent und in Schottland sogar 62 Prozent. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon überlegt jetzt, die Schotten wieder über die Unabhängigkeit abstimmen zu lassen. Sie sagt, das Votum sei demokratisch inakzeptabel. Und in Nordirland - da ist es manchen Leuten einfach nur peinlich.

Sophie Stigler (DRadio Wissen) über die Stimmungslage in Nordirland
"Ich hab Freunde in Nordirland und einer hat sich allen Ernstes bei mir entschuldigt, dafür, dass sein Land so bescheuert abgestimmt hat."

In Brüssel herrscht echte Traurigkeit

Unsere Korrespondentin in Brüssel hat kaum geschlafen. Genauso wie wahrscheinlich alle EU-Abgeordneten, die etwas mit Großbritannien zu tun haben. In vielen Büros brannte in der Nacht noch Licht, sagt sie. Die meisten werden doch sehr überrascht gewesen sein, denn in den Umfragen hieß es zuletzt: Wir hoffen, dass die Briten in der EU bleiben. Jetzt hört man eher: Ok, wir müssen das Votum akzeptieren und schauen, dass wir eine geordnete Trennung organisieren.

Annette Riedel (DRadio Wissen) über die Stimmung in Brüssel
"Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament Rebecca Harms hat gesagt: Mir ist nach Heulen zumute."

EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte: "Es ist ein historischer Moment, aber es ist nicht der Moment für hysterische Reaktionen."

Das Netz reagiert mit Ironie und Humor

Das Netz lässt sich den Humor nicht nehmen. Im Gegenteil. Twitter läuft zu Höchstformen auf. Hier ein paar der schönsten Beispiele:

Der größte Kursrutsch an den Börsen seit Lehman

Das britische Pfund ist schon in der Nacht auf den tiefsten Stand seit 1985 abgestürzt. Auch die Finanzmärkte in Asien reagierten mit deutlichen Verlusten. In Deutschland verzeichnete der Dax den größten Kurssturz seit Oktober 2008 - das war die sehr unruhige Zeit nach der Lehman-Pleite. Im Laufe des Tages hat sich der Dax zwar wieder etwas erholt, aber von dem 10-Prozent-Einbruch kurz nach Handelsstart waren doch viele überrascht. Die Rede ist von einem Crash oder vom Black Friday. Aber auch in Großbritannien dürfte der Schock über die Finanzmarkt-Reaktionen bei vielen tief sitzen. Das britische Pfund verlor über 10 Prozent.

Eva Bahner (DRadio Wissen) über die Reaktionen der Finanzmärkte auf den Brexit
"Die britische Notenbank hat heute eine verbale Beruhigungspille verabreicht: Sie stehe mit 250 Milliarden Pfund bereit."

Wenn das Pfund jetzt dauerhaft niedrig bleibt, bedeutet das für für uns natürlich: günstig shoppen in London. Für die Briten bedeutet das aber, dass die Waren aus dem Euroraum teurer werden.

Markus Kerber vom Bundesverband der Deutschen Industrie fordert mit Blick auf rund 2500 deutsche Unternehmen in Großbritannien schnelle EU-Austrittsverhandlungen. Im Deutschlandfunk sagte er: "Die müssen ein klares Ziel haben und innerhalb von zwei Jahren beendet werden. Denn während dieser Verhandlungsdauer wird es eine große Unsicherheit geben, weshalb deutsche und europäische Unternehmen in Großbritannien nicht investieren werden."

Was kommt nach dem Brexit?

Über das Ergebnis des britischen Referendums wird in Brüssel in der kommenden Woche beraten. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier reist schon heute (24.06.2016) zu einem EU-Ministertreffen in Luxemburg um über die Folgen des Referendums zu sprechen: "Es sieht nach einem traurigen Tag für Europa und für Großbritannien aus", sagte der SPD-Politiker in Berlin. Und Vizekanzler Sigmar Gabriel hat ebenfalls eine klare Meinung zum Brexit.

Erst seit dem Vertrag von Lissabon aus dem Jahr 2009 ist ein Austritt aus der Europäischen Union überhaupt möglich. "Jeder Mitgliedstaat kann im Einklang mit seinen verfassungsrechtlichen Vorschriften beschließen, aus der Union auszutreten", steht in Artikel 50 des EU-Vertrages.

"Wir werden das geschafft haben, ohne kämpfen zu müssen - ohne dass auch nur eine einzige Kugel abgefeuert werden musste."
Der Chef der EU-skeptischen Ukip-Partei, Nigel Farage, am Freitag zum Ausgang des Brexit-Referendums

In Europa wird das Ergebnis unterschiedlich aufgenommen. Viele Staats- und Regierungschefs bedauern die Entscheidung - Kanzlerin Angela Merkel sprich von einem Einschnitt für Europa - aber es gibt auch Zustimmung. Zum Beispiel vom niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders. Er fordert ebenfalls ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft seines Landes. Der Chef der Europäischen Kommission, Martin Schulz, versuchte zu beruhigen. "Die Kettenreaktion wird es nicht geben", sagte Schulz am Freitag im "Morgenmagazin" des ZDF.

"Wir müssen in nächster Zeit sehr gründlich darüber nachdenken, wie es mit der europäischen Geschichte weitergeht."
Stephan Detjen aus unserem Hauptstadtstudio