Forschende haben festgestellt, dass Tumorzellen bei Brustkrebspatientinnen und Labormäusen in Schlafphasen am aktivsten sind. Eine Beobachtung, die Auswirkungen auf künftige Behandlungen haben könnte.

Bisher hat man bei der Behandlung von Brustkrebspatienten und -patientinnen weniger darauf geachtet, wie sich die Aktivität der Tumorzellen über den Tag verteilt.

Mitarbeitende des molekularbiologischen Labors der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich) haben bei ihrer Arbeit folgende Beobachtung gemacht: Sie haben je nach Tages- und Nachtzeit unterschiedlich viele metastasierende Zellen im Blut der Patientinnen nachgewiesen. Also Tumorzellen oder ganze Zellklumpen, die sich vom Tumor gelöst haben und sich über das Blut im Körper verteilen.

Der Grund für diesen Fund: Die Proben wurden aufgrund der unterschiedlichen Arbeitszeiten der Mitarbeitenden zu unterschiedlichen Uhrzeiten abgenommen und untersucht.

"Manchmal lösen sich auch ganze Zellklumpen. Und davon waren in dieser Studie bei den Brustkrebs-Patientinnen besonders viele nachts zu sehen."
Julia Polke, Deutschlandfunk Nova

Um diese zufällige Beobachtung wissenschaftlich zu bestätigen, wurde für eine Studie Blut von Brustkrebspatientinnen abgenommen, die am Universitätsklinikum Basel behandelt wurden. Jeweils einmal vormittags um zehn Uhr und nachts um vier Uhr. Die Blutabnahme erfolgte also einmal im Wachzustand und einmal zu einem Zeitpunkt, an dem die Frauen kurz zuvor tief geschlafen hatten.

Deutlich mehr metastasierende Krebszellen in Proben aus der Nacht

Das Ergebnis bestätigte die Beobachtung, die in der ETH Zürich zuvor gemacht wurde: Fast 80 Prozent der frei im Blut zirkulierenden, also metastasierenden, Krebszellen wurde in den Proben aus der Nacht gefunden.

Zusätzlich wurde dieses Resultat mit Bluttests an Labormäusen ein weiteres Mal verifiziert. Dafür untersuchte man Mäuse, die entweder selbst einen Brustkrebstumor entwickelt hatten oder denen zuvor Zellen von Brustkrebspatientinnen eingepflanzt worden waren.

Bei nachtaktiven Mäusen: mehr freie Krebszellen am Tag nachgewiesen

Die meisten Mäuse sind eher nachtaktiv – und auch auf die untersuchten Labormäuse traf das zu. Diesen Umstand haben die Forschenden berücksichtigt. Die Tests kamen zu einem vergleichbaren Ergebnis: Fast 90-mal so viele metastasierende Krebszellen wurden in der Ruhephase der Mäuse – in Blutproben, die tagsüber genommen wurden – gefunden.

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Aufgrund ihrer Studien vermuten die Forschenden, dass die Aktivität der Tumorzellen mit den Hormonen zusammenhängen kann, die unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuern.

Um dieser These nachzugehen, haben sie im nächsten Schritt den Versuchsmäusen das Schlafhormon Melatonin verabreicht, wenn sie wach waren. Und ein sogenanntes "Wachhormon" Dexamethason, wenn die Mäuse eigentlich schlafen sollten. Zusätzlich bekamen die Tiere Testosteron, das auch an der Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist.

Die Forschenden konnten so feststellen, dass die Krebszellen nach einer Dexamethason-Dosis weniger aktiv waren. Dieses Ergebnis steht allerdings im Gegensatz zu bisherigen Studien.

Tages- und Nachtzeit könnte bei künftigen Brustkrebsbehandlungen eine wichtige Rolle spielen

Für die Diagnose und Therapie von Brustkrebs könnte das künftig bedeuten, dass die Tageszeit eine wichtigere Rolle spielt. Dass beispielsweise Uhrzeiten genauer dokumentiert werden, zu denen Blutproben entnommen oder Behandlungen durchgeführt werden.

Als Nächstes will das Forschungsteam nun untersuchen, ob auch andere Krebsarten während Schlafphasen eine erhöhte Aktivität zeigen.