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"Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen: Die Geschichte der Shirin-Gol" heißt die literarische Biografie der Afghanin Shirin-Gol, die die Dokumentarfilmerin und Schriftstellerin Siba Shakib vor neunzehn Jahren veröffentlichte. Seitdem hat das Buch weder an Bedeutung noch an Aktualität verloren.

"Geht es dir gut?" Siba Shakib kann nicht glauben, was sie da hört. Und sie kann auch nicht antworten. Sie steht mitten in der Wüste, in der prallen Sonne. Der Wind ist staubig, das Trinkwasser ist knapp. Und jeder Atemzug fällt schwer.

Erschöpfte, abgemagerte, kranke Menschen in zerschlissenen Kleidern werden von Lastwagen getrieben wie Vieh. In langen Schlangen stehen sie an, kneten ihre Papiere, bis sie an der Reihe sind, einen Stempel kriegen, um nach dem Warten in einer anderen langen Schlange ein paar Säcke Weizen zu bekommen, für jedes Familienmitglied einen.

Eine Begegnung in der Wüste

Die Frauen unter den vielen Menschen lassen sich nur an ihren Schuhen auseinanderhalten. Der Rest ihrer Körper wird von blauen Tüchern verdeckt. Selbst ihre Augen sind hinter einem Netz verborgen. Und jetzt steht eine von ihnen vor Siba. "Geht es dir gut?" fragt die Frau.

Eine Frau, die nicht wie Siba am nächsten Tag in ein Flugzeug steigen kann, um nach Hause zu fliegen, zurück in eine saubere Wohnung mit Fenstern und Türen, mit Wasser und Strom, mit einem vollen Kühlschrank und Geschäften in der Nähe.

"Soll ich dir meine Geschichte erzählen?"

Die verschleierte Frau wartet Sibas Antwort nicht ab. "Was machst du hier?" Und als Siba endlich ihre Stimme wiederfindet und erklärt, warum sie in dem Lager ist, nämlich: um ein Buch zu schreiben, über Afghanistan und über die Afghanen, da schämt sie sich und sieht woanders hin. Doch die Fremde legt ihre Hand an Sibas Kinn, zwingt Siba sanft, sie anzusehen und fragt mit ruhiger Stimme: "Soll ich dir für dein Buch meine Geschichte erzählen?"

"Shirin-Gols Geschichte steht für die Geschichten tausender anderer Afghaninnen und Afghanen. Sie sind geprägt von Gewalt und Angst. Shirin-Gols Geschichte ist aber auch eine Geschichte von Hoffnung und Mut."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Autorin

Shirin-Gol ist ein kleines Mädchen, als im Jahr 1979 sowjetische Truppen das Land besetzen. Sie muss mit ansehen, wie ihr Heimatdorf zerstört wird. Die Familie überlebt, weil ihr Haus außerhalb des Dorfs steht und flieht nach Kabul. Mit diesem Tag beginnt Shirin-Gols endlose Flucht: Vom Süden in den Norden Afghanistans, weiter in die Berge, dann nach Pakistan und in den Iran.

Flucht in eine ungewisse Zukunft

Ihr Vater und ihre Brüder schließen sich den Mujaheddin an und kämpfen. Gegen wen, das hat Shirin-Gol nie verstanden, weder als Kind noch als Erwachsene. Unter dem Regiment der Russen lernt sie lesen und schreiben. Als die Taliban an die Macht kommen, wird es ihr verboten. Was gestern noch richtig war, ist heute falsch. Wo sie heute ein Zuhause findet, darf sie morgen nicht mehr sein.

Vier Kinder bekommt Shirin-Gol. Für sie lebt sie weiter. Für sie sucht sie nach einem sicheren Zuhause. Sie weiß nicht, wie ihre Zukunft aussieht. Gibt es überhaupt eine?

Das Buch: "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen: Die Geschichte der Shirin-Gol" von Siba Shakib, Goldmann, 320 Seiten, Taschenbuch (11. Aufl.): 10 Euro. (ET 2003)