Daniel hat vor zehn Jahren auf der Leipziger Buchmesse ein Hörbuch geklaut. Was er nicht wusste: Er setzt damit eine gute alte Tradition fort.

Es ist jetzt über zehn Jahre her, zumindest kann Daniel jetzt also nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Aber er erinnert sich noch an seine Tat, und er weiß bis heute nicht so genau, wie groß sein schlechtes Gewissen sein muss.

Daniel hat auf der Buchmesse in Leipzig Hörbücher geklaut. Er war zwar Student, aber nicht arm. Er hatte freien Zugang zu allen Büchern, die er für sein Studium brauchte. Und die DDR gab es auch nicht mehr. Und so ließ und lässt sich der Bücherklau nicht rechtfertigen. Ein klassischer Diebstahl war es aber trotzdem nicht.

20 Diebe pro Tag

Bücherklau hat auf der Leipziger Buchmesse eine lange Tradition. Denn in der DDR waren viele Bücher einfach nicht verfügbar. Sie waren verboten oder erhielten keine Lizenz für den Verkauf. Das Klauen von Büchern auf der Buchmesse war also so etwas wie das Aufbegehren gegen die Repressalien durch den Staat. Wie viele Bücher damals gestohlen wurden, weiß man nicht. Was man weiß: Rund 20 Personen wurden pro Messetag beim Diebstahl erwischt.

Vielleicht ist Bücherklau ja auch ohne DDR irgendwie OK? Der Vergleich zum Mundraub liegt nahe.

"Es gibt arme Schlucker, die sich keine Bücher leisten können, und da würde ich auch mal ein Auge zudrücken und auch mal weggucken, wenn ein armer Mensch, der gierig auf Bücher ist, sich auch mal ein Buch klauen würde."
Reinhold Joppich, Vertriebsleiter beim Verlag Kiepenheuer und Witsch in Köln

Als Daniel das Hörbuch gestohlen hat, gab es die DDR nicht mehr. Und ein armer Schlucker war er auch nicht. Jetzt kann er sich als Entschuldigung nur noch darauf berufen, dass Buch-Diebstähle ein Buch erst zum Verkaufsschlager machen:

"Bücher, die völlig unbeachtet bleiben am Stand, die nicht geklaut werden, kaum in die Hand genommen werden, da kann man fast zu 99 Prozent sagen, dass die später keinen Erfolg im Buchhandel haben. Also, nach dem Motto: Ein nicht geklautes Buch ist ein schlechtes Buch. Und ein geklautes Buch ist ein gutes Buch."
Reinhold Joppich, Vertriebsleiter beim Verlag Kiepenheuer und Witsch in Köln​

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