Libyen brennt: Unzählige Milizen kämpfen gegeneinander, Geflüchtete landen in Lagern und werden laut Augenzeugenberichten erpresst, gefoltert und vergewaltigt. Ärzte ohne Grenzen versuchen ihnen zu helfen. 

Auch in der Hauptstadt Tripolis toben die Kämpfe. Verfeindete Milizen treffen aufeinander und bekämpfen sich bis aufs Blut. Seit dem Sturz des ehemaligen Diktators Muammar al-Gaddafi ist das Land im Norden Afrikas, angrenzend ans Mittelmeer, im Chaos des Krieges versunken. Es gibt eine Regierung, doch die hat keinerlei Macht.

Das alles macht es für Hilfsorganisationen nahezu unmöglich, flächendeckende Hilfe anzubieten. "Unsere Teams vor Ort arbeiten weiterhin und können mit Menschen sprechen", erklärt Philipp Frisch von Ärzte ohne Grenzen. "Wir haben aber natürlich keinen Überblick über die Gesamtsituation im Land." Es sei nicht möglich, dort angemessenen Schutz für die Menschen zu organisieren.

Eine Million Menschen sind Freiwild

Und vor allem die Schwächsten brauchen Schutz: In Libyen warten gut eine Million Menschen aus anderen Ländern Afrikas darauf, nach Europa fliehen zu können. Das Problem: Die Geflüchteten haben überhaupt kein Rechte. Für kriminelle Banden und Milizen gelten sie als Freiwild. "Man kann sich an ihnen bedienen und sich an ihnen bereichern", sagt Philipp Frisch.

"Wir haben Berichte von Gruppen, die Menschen auf der Straße abfangen, die sie foltern – und sie während der Folter zwingen, ihre Familien anzurufen, um über die Schreie das Lösegeld so hoch wie möglich zu treiben."
Philipp Frisch, Ärzte ohne Grenzen​

Auch ARD-Korrespondent Björn Blaschke schaut sich regelmäßig die Lage in Libyen an. Und kennt die Geschichten von Menschen, die in die Fänge von Verbrechern gelangen. "Die werden aufgegriffen, teilweise versklavt, müssen auf irgendwelchen Feldern oder in illegalen Goldminen arbeiten", berichtet der Korrespondent. "Und wenn sie Pech haben, landen sie in einem der Gefangenenlager." Denn Flüchtlingslager im eigentlichen Sinn gibt es in Libyen nicht. Es sind Internierungslager, Gefängnisse. Mit katastrophalen Bedingungen.

Schlechte medizinische Versorgung

Es ist schon etwas länger her, dass Björn Blaschke eines dieser Lager besuchen konnte: "Ich habe dort eine Frau gesehen, von der ich dachte, was hat die denn für einen komischen weißen Strumpf auf dem Gesicht." Das war kein weißer Strumpf, das war einfach Milbenbefall, Krätze. "Die Frau lag da zwischen ihren Mitgefangenen und war komplett überzogen von so einer fiesen Krankheit", sagt Blaschke. Und so ergehe es vielen Menschen dort.

"Die Zustände, unter denen die Menschen in diesen Lagern im Moment ausharren, sind tatsächlich himmelschreiend."
Philipp Frisch, Ärzte ohne Grenzen

Das alles passiere, weil es im Moment nicht möglich ist für internationale Organisationen, ausreichenden Schutz für die Menschen in Libyen anzubieten, sagt Philipp Frisch von Ärzte ohne Grenzen. So ist alles möglich im Bürgerkriegsland und in den Lagern: Erpressung, Folter, Gewalt, auch sexualisierte Gewalt. "Die Menschen, die dort im Moment in der Falle sitzen, müssen dringend raus aus Libyen."

"Wir sehen unsere Ausgabe darin, die Europäische Union und die Bundesrepublik Deutschland an ihre humanitäre Verantwortung zu erinnern. Denn diese scheinen sie in den vergangenen Wochen einfach vergessen zu haben."
Philipp Frisch, Ärzte ohne Grenzen

Bisher aber unterstützen Deutschland und die Europäische Union die libysche Küstenwache darin, Menschen vom Mittelmeer zurück nach Libyen zu bringen. Björn Blaschke hat in Tripolis mit Leuten von der Küstenwache gesprochen. Und er hat erfahren: In Libyen gibt es Tausende von Milizen – und die zwingen die Küstenwache oft dazu, still zu halten. "Man schickt die Leute in ein Bürgerkriegsland zurück, in dem Milizen gegeneinander kämpfen", sagt Björn Blaschke, "und damit geht man das Risiko ein, die Leute in den Tod zu schicken".

"Für uns steht eines fest: Libyen ist keine Option."
Philipp Frisch, Ärzte ohne Grenzen

Für die Ärzte ohne Grenzen stehen Europa und Deutschland in der Pflicht, die Menschen nicht in diesem gefährlichen Machtvakuum alleine zu lassen.

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