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Die Bundeswehr war fast 20 Jahre am Einsatz in Afghanistan beteiligt. Nun wurden die letzten Soldaten und Soldatinnen wieder zurück nach Deutschland geflogen. Der Einsatz ist beendet. Auch die Truppen der anderen beteiligten Nato-Staaten werden Afghanistan bis September verlassen. Unsere Korrespondentin Silke Diettrich ist derzeit in Masar-i-Scharif und berichtet, was dieser Abzug bedeutet.

"Ich glaube, alle wollten so schnell wie möglich raus hier", sagt Silke Diettrich. Nachdem die Nato den Abzug der Truppen beschlossen hat, hätten alle beteiligten Staaten versucht, so schnell wie möglich Afghanistan zu verlassen. Eigentlich sei der 11. September als endgültiges Datum ausgemacht worden, aber selbst die USA würden derzeit versuchen, bis zum 4. Juli ihre Truppen nach Hause zu bringen.

"Gerade hier im Norden, in Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr stationiert war, sind die Taliban sehr weit nach vorne gekommen."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Afghanistan

Silke Diettrich ist derzeit in Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr stationiert war. "Ich war jetzt noch mit Milizen an der hintersten Front, und dann haben sie mir gezeigt: 'Dahinten fängt es eigentlich schon an, wo die Taliban stehen und kämpfen'", berichtet die Korrespondentin. Die Taliban-Truppen sind inzwischen etwa fünf Kilometer vor der Stadt und haben die Stadt auch umzingelt.

"Es wurde jetzt auch relativ brenzlig für die Bundeswehr."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Afghanistan

Die afghanische Bevölkerung habe nun Angst vor einem großen Bürgerkrieg. Und gerade im Norden hätten viele Menschen auch Angst vor den Taliban. Das sei nicht in allen Teilen des Landes so, denn Afghanistan ist gespalten. "Es gibt hier viele erzkonservative, radikale Menschen, die auch auf Seiten der Taliban sind", sagt die Afghanistan-Korrespondentin. Im Norden aber herrsche eine andere Kultur, erklärt sie. Die Menschen sprechen dort auch eine andere Sprache. Sie erinnern sich noch mit Schrecken an das Regime der Taliban, bevor die Nato-Truppen einmarschierten.

"Die beschreiben das immer so, als die dunkle und die schwarze Ära."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Afghanistan

"Ich habe mit Müttern gesprochen, die sagen, ich habe jetzt wirklich Angst um meine Töchter, weil ich weiß noch, wie es damals war", berichtet Silke Diettrich. Besonders für Frauen galten damals strenge Gesetze, zum Beispiel mussten sie eine Burka tragen und durften kaum am öffentlichen Leben teilnehmen.

Die Taliban rücken näher

Heute ist die Situation in Masar-i-Scharif ganz anders. Unsere Korrespondentin war am Dienstagabend am Flughafen, als die letzte Maschine der Bundeswehr abgeflogen ist. Sie hat dann auch kurz mit dem Flughafenchef im Tower gesprochen: "Und er hat gesagt, wir haben in der Nacht alle nicht geschlafen. Meine Kinder sind zu mir mit ins Bett gekommen und haben gesagt wir haben Angst. Wir haben Angst. Die Taliban stehen schon vor den Toren", sagt Silke Diettrich.

"Die Taliban wollen an die Macht, und die wollen eigentlich auch keine Kompromisse. Deswegen versuchen die auch gerade, alles daran zu setzen, hier Angst zu schüren, Distrikte und Bezirke zu überrennen. Und das machen sie in der Tat ja auch."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Afghanistan

Zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban finden weiterhin Friedensgespräche statt. Silke Diettrich glaubt, dass auch beide Seiten wirklich an einem Frieden interessiert wären. Viele Taliban-Kämpfer seien müde, weil sie inzwischen seit 20 Jahren kämpfen. "Viele der jungen Taliban-Kämpfer kennen fast nichts anderes, als nur zu kämpfen." Allerdings sei es das Ziel der Taliban, an die Macht zu kommen, an Kompromissen seien sie nicht interessiert.

Der Afghanistan-Einsatz soll aufgearbeitet werden

In Deutschland hat die Bundesregierung bereits angekündigt, dass der nun beendete Einsatz aufgearbeitet werden soll. Eine der Fragen, die sich immer stellt, ist: Was hat dieser Einsatz eigentlich gebracht? Silke Diettrich sagt, zunächst sei es darum gegangen, Osama bin Laden zu finden, der war zwar kein Afghane, wurde aber in dem Land geduldet.

Silke Diettrich berichtet, dass viele Afghanen den westlichen Staaten nun Vorwürfe machen: "Die sagen: 'Ihr habt einen einzelnen Mann und eine Terrorgruppe gesucht. Den habt ihr dann getötet und was dann?'" Am Anfang habe es keinen Plan für Afghanistan gegeben. Unsere Korrespondentin sagt, genau dort liege das Problem: "Was wollte die westliche Gemeinschaft eigentlich hier? Es ging ja nicht darum, das Land von den Taliban zu befreien und hier Frauenrechte einzuführen. Die Idee kam dann erst sehr viel später." Und um diesen Plan wirklich umzusetzen, hätte es noch viel mehr Zeit gebraucht.