Unser Bild von China ist häufig einseitig oder von Vorurteilen geprägt, sagt Simone Harre. Viele denken an gekochten Hund, an ein autoritäres System oder an Technologieklau. Simone will das ändern und auf die menschliche Seite der Weltmacht schauen. Fünf Jahre lang ist die Buchautorin immer wieder nach China gereist und hat verschiedene Menschen interviewt: vom Seegurkenfabrikanten bis zum Milliardär.

Simone Harre wollte wissen: Was macht die Menschen in China glücklich? Welche Rolle spielt Geld? Und wie lange kann das Streben nach immer mehr gut gehen? Für ihr Buch hat sie 50 literarische Porträts geschrieben, die zum Verständnis des Landes und seiner Menschen beitragen sollen. "China, wer bist du" heißt das Buch.

Simone Harre
© Simone Harre
Simone Harre hat versucht, in die chinesische Seele einzudringen

Eine Kindheit, die von Armut geprägt war

Besonders beeindruckt hat Simone Harre ein Buchhalter. Die Begegnung mit ihm habe sie berührt und auch ein wenig traurig gemacht, erzählt sie. Der Buchhalter habe sich sehr gefreut, über seinen Beruf zu erzählen, aber als dieses Thema abgehakt war, sei nicht mehr viel gekommen. Aufgewachsen als Bauernjunge hat er sich hochgearbeitet. Eine Kindheit, die von Armut geprägt war - und von Hunger. Ein neues Paar Turnschuhe, das hieß für ihn, eine Woche auf Essen verzichten.

Die Lehre, die er daraus gezogen hat: Wer mehr vom Leben will, muss fleißig sein. Bis weit ins Studium hinein musste er immer wieder hungern. Heute ist er erfolgreich - will aber immer mehr erreichen. Diese Erfahrung des Hungerns teilt er mit vielen Chinesinnen und Chinesen aus seiner Generation, die jetzt um die 50 sind. Eine Folge: Gefühle oder Selbstverwirklichungen spielen keine Rolle für sie, sagt Simone Harre.

"Dieses vom Hunger getrieben sein - das ist eine Generation von Leuten um die 50. Das ist eine sehr gängige Geschichte in China. Und bei denen spielen Gefühle und Selbstverwirklichung gar keine Rolle."
Simone Harre, Buchautorin
Yao Yan
© Simone Harre
Yao Yan

Und dann war da Yao Yan -Designerin und Landwirtin. Sie gehört der chinesischen Minderheit der Bai im Süden des Landes an. Eine sehr toughe Frau, die studiert und gerade ein Hotel gegründet hat, neben vielen weiteren Projekten. Wie die meisten Chinesen hat Yao Yan früh geheiratet und wollte Mutter und Hausfrau werden. Weil das nicht klappte, trennte sich ihr Ehemann von ihr. Ein ziemlicher Schock für Yao Yan, aber gleichzeitig die Grundlage für ihr späteres Leben und ihre Selbstständigkeit.

Yao Yan ist auf dem Land aufgewachsen, empfindet das aber im Gegensatz zu vielen anderen Chinesen, die es in Städte zieht, nicht als Nachteil. Ganz im Gegenteil: Auf dem Land sei Raum für Freiheit und Kreativität. Und Menschen mit einem eigenem Kopf könnten sich hier besser ausleben.

Im Weltempfänger erzählt Simone Harrer auch, dass sie viele Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gefragt hat, welche Blume sie gerne sein würden. Und dabei Antworten erhalten hat, die westliche Ohren verwundern dürften: Statt duftender Rose oder wunderschöne Lilie wurden da zum Beispiel unauffällige, schwach duftende oder winterharte Pflanzen genannt.