Ob Flutkatastrophe oder Covid-19-Pandemie: Krisen bewältigt jeder Mensch anders. Wie lässt sich praktisch nicht vorhersagen, sagt die Psychologin Juliane Lessing.

Krisen rufen bei Betroffenen individuelle Reaktionen oder Coping-Strategien (Bewältigungsstrategien) vor. Dabei gibt es keine guten oder schlechten Strategien oder ein Allgemeinrezept für Menschen in der Krise, sagt die Psychologin Juliane Lessing. Die Art und Weise, wie wir eine Krise bewältigen, ist in irgendeiner Form für uns hilfreich, sonst würden wir es nicht tun, sagt die Psychologin.

Allerdings würden alle am Anfang, beispielsweise einer Pandemie, sich informieren wollen, um zu verstehen, was gerade geschieht, sagt Juliane Lessing.

Denn zunächst gehe es nach gravierenden Ereignissen erstmal um Orientierung, Verortung und Informationen. Die Betroffenen müssten sich erstmal vergewissern, was überhaupt geschehen ist. Das sei eine ganz normale Reaktion auf gravierende Ereignisse.

Auf die Krise folgt die Stressreaktion

Die Krise verursacht bei den Betroffenen zunächst eine Stressreaktion, die sich in Flucht oder Verdrängung äußert, sie kann sich aber auch in Kampf und Aktionismus ausdrücken - oder im Gegenteil - im Erstarren.

Sobald nach einiger Zeit die psychische Aufarbeitung des Geschehenen
beginnt, können die Reaktionen je nach Krise auch ganz unterschiedlich
sein. Menschen, die von einer Krankheit betroffen sind, versuchen alles zu tun, um fit zu bleiben oder wieder gesund zu werden. In der Corona-Krise haben sich auch viele Menschen mit dem Alleinsein und den psychischen Folgen auseinandersetzen müssen.

Jemand der von der Flutkatastrophe betroffen ist, hat vielleicht alles verloren: Verwandte, Haus, seine Heimat. In so einem Fall ist der oder die Betroffene erst einmal damit beschäftigt, wieder aufzubauen, sagt die Psychologin. In allen drei Beispielen, könnte es auch ähnliche Reaktionen geben wie das Wiedererlangen einer inneren Sicherheit oder die Bewältigung von Ängsten.

"Bewältigung an sich ist sehr individuell und lässt sich praktisch kaum vorhersagen."
Juliane Lessing, Psychologin

Es kann Betroffenen auch helfen, dass sie nicht alleine von der Krise betroffen sind wie zum Beispiel bei der Flutkatastrophe, weil es gegenseitige Unterstützung gibt. Es kann aber auch dazu führen, dass man sich gegenseitig herunterzieht. Wer merkt, dass er in so eine "negative Dynamik" gerate, müsse auf sich achten und sich davon abgrenzen, rät die Psychologin.

Humor als Erlösung

Hilfreich für die Bewältigung einer Krise können auch der comic relief sein, wie es in Filmen vorkommt. Dass es in der Krise auch wieder Raum für Humor und Lachen gibt, könne einen erlösenden Effekt haben und helfen, in die Normalität zurückzufinden, sagt Juliane Lessing.

"In der Regel kann es hilfreich sein zu wissen, dass man mit einem Problem oder mit einer Situation nicht alleine ist, dass mein Gegenüber mich gut versteht oder auch einfach nachfühlen kann."
Juliane Lessing, Psychologin

Für die menschliche Reaktion auf Krisen, insbesondere auf den Tod, galt lange Zeit das Fünf-Phasen Modell nach Elisabeth Kübler-Ross als Standarderklärung. Dieses Modell beschreibt den Ablauf nach einer Krise standardmäßig in Schlagworten folgendermaßen: Leugnen, Zorn, Anzweifeln, Depression und schließlich Akzeptanz.

"Das Modell ist mittlerweile überholt. Menschen sind zu unterschiedlich in Erfahrungen, Persönlichkeiten, in Biografie, als dass man so im Vorfeld sagen könnte, wann eine Person wie denkt und fühlt", sagt Juliane Lessing. "Wie Menschen mit Krisen umgehen, das kann ihnen der beste Psychologe der Welt nicht sagen."

"Manchmal kann Verdrängung in einer akuten Situation sogar hilfreich sein."
Juliane Lessing, Psychologin

Manche Menschen reagieren mit Verdrängung auf eine Krise. Das kann sogar ganz sinnvoll sein, meint die Psychologin, um sich selbst zu schützen. Aus Juliane Lessings Sicht keine so schlechte Idee, wie das allgemein noch angenommen wird.

Problematische Strategien

Strategien, die problematisch werden können, ist beispielsweise schleifenartiges und dauernd wiederholtes Durchgrübeln der Krise. Der Fachbegriff hierfür lautet Rumination. "Das scheint nicht hilfreich zu sein, wenn man sich in eine Abwärtsspirale denkt", erklärt die Psychologin.

Auch Drogen- und Medikamentenmissbrauch ist für Juliane Lessing klar kontraproduktiv. "Da werde ich mich kurzfristig besser fühlen, aber langfristig erst mal in eine Sucht rutschen", sagt die Psychologin.