Die Einführung der Impfpflicht ist gescheitert, die 2G- beziehungsweise 3G- und Maskenregelungen sind vielerorts ausgesetzt – trotzdem gibt es weiterhin Demos gegen die Corona-Politik der Bundesregierung. Daran sehe man, dass es ursächlich nicht um die Masken- oder Impfpflicht ging, sondern um anti-demokratische Tendenzen, sagt Sozialpsychologin Pia Lamberty.

Dass Demonstrationen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung fortgesetzt werden, zeige, dass es bei den Protestierenden um Menschen geht, die anti-demokratische Einstellungen haben, sagt die Sozialpsychologin Pia Lamberty.

In vielen Fällen handle es sich um Menschen, die verschwörungsideologischen Weltbildern anhängen, die einen Bezug zum Rechtsextremismus haben und letztendlich die Demokratie untergraben wollen. Das werde zu diesem Zeitpunkt besonders deutlich, sagt die Sozialpsychologin.

Denn dieses verschwörungsideologische Milieu positioniere sich zurzeit eindeutig pro-Putin und verbreite russische Propaganda.

"Was das Demonstrationsgeschehen angeht, hat man verschiedene Schwankungen in der Pandemie gehabt: Im Sommer ist 'Querdenken' lieber in den Biergarten gegangen oder nach Mallorca geflogen, als jetzt zu Protesten zu gehen."
Pia Lamberty, Sozialpsychologin

Bei den Protesten gegen die Corona-Politik hatten sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Gruppierung zusammengefunden. Menschen, die sich gegen die Corona-Maßnahmen ausgesprochen haben, aber auch Menschen, die Regenbogenfahnen dabei hatten, sowie sogenannte Reichsbürger und völkisch orientierte Menschen, die sich der sogenannten Identitären Bewegung, zugehörig fühlen.

Nur weil etwas 'bunt' aussehe, oder jemand Dreadlocks trage, bedeute das nicht zwangsläufig, dass keine rechte Gesinnung vorhanden sei, gibt Pia Lamberty in diesem Zusammenhang zu bedenken.

"Das was 'bunt' aussieht, kann durchaus auch 'braun' sein. Nur weil jemand Dreadlocks trägt, bedeutet das nicht, dass diese Person nicht auch in rechtsextremen Zusammenhängen unterwegs sein kann - das war immer Teil dieser Proteste."
Pia Lamberty, Sozialpsychologin

Dass Menschen feiern, wenn in der Ukraine Menschen attackiert und ermordet werden, wenn die Ukraine völkerrechtswidrig angegriffen werde, könnte dazu führen, dass sich ein Teil der bisher Demonstrierenden von den Protesten jetzt möglicherweise distanziere, sagt Pia Lamberty. Menschen, die sich nicht so sehr für die Corona-Politik interessiert hätten, aber pro-russisch eingestellt seien, könnten allerdings neu zu der Gruppe der Demonstrierenden hinzukommen, nimmt die Sozialpsychologin an.

Lamberty: "Verschwörungsideologien können sich auf alle gesellschaftlichen Entwicklungen draufsetzen"

Das, was Verschwörungserzählungen so erfolgreich mache, sei, dass sie sich durch Jahrhunderte hindurchziehen könnten. Andererseits seien Verschwörungsmythen auch sehr adaptiv und könnten gesellschaftliche Entwicklungen auch für sich vereinnahmen.

Ein Verschwörungsmythos, der aktuell bedient werde, sei, dass Russland sich im Stellvertreterkrieg gegen den Deep State befände und sich gegen die Eine-Welt-Regierung richte. In solchen Aussagen zeigten sich Bezüge zum Antisemitismus, sagt Pia Lamberty.

"Ich sehe auf Telegram auch, dass verbreitet wird, dass es in der Ukraine biologische Kampfstoffe gäbe. Also, das, was auch der Kreml verbreitet."
Pia Lamberty, Sozialpsychologin

Es gibt erste Studien dazu, die Pia Lamberty als besorgniserregend einstuft. Für das Forschungsprojekt "Cosmo" von Cornelia Betsch, die auch im Expertenrat der Bundesregierung sitzt, wurden Menschen befragt. Auf die Frage, ob der Krieg in der Ukraine als Ablenkung von der Corona-Pandemie diene, gaben 43 Prozent der Befragten, die ungeimpft sind, an, dass sie davon überzeugt seien. Das sei keine kleine Gruppe, sagt die Sozialpsychologin.

Zurzeit gebe es viele Krisen: Unter anderem die Klimakrise, die Corona-Pandemie, den Krieg in der Ukraine und die Erfahrung zeige, dass Krisen dieser Art mit einer rechtsextremen Mobilisierung einhergingen. Deswegen geht Pia Lamerty nicht davon aus, dass die Radikalisierung in Zukunft nachlasse.

  • Moderation:  Thilo Jahn
  • Gesprächspartnerin:  Pia Lamberty, Sozialpsychologin und Geschäftsführerin von CeMAS – Center für Monitoring, Analyse und Strategie