Berlin hat deutschlandweit die höchsten Infektionszahlen. Im Gesundheitsamt Neukölln kommt man mit der Kontakt-Nachverfolgung nicht mehr hinterher. Unser Reporter hat es besucht.

"Wir befinden uns auf Stufe Schwarz, schwärzer geht nicht", sagt die Amtsärztin Christine Wagner, die im Gesundheitsamt in Neukölln arbeitet. Bei der internen Corona-Ampel reicht die Einteilung in grün-gelb-rot in diesem Berliner Stadtteil nicht mehr aus, um die aktuelle Situation adäquat abzubilden. Die Stufe Schwarz steht symbolisch auch dafür, dass das Amt am Rande seiner Kapazitäten angelangt ist.

Denn zurzeit bleiben in der Telefonzentrale jeden Tag 50 Fälle zur Kontaktverfolgung am Ende eines Arbeitstages liegen.

"Wir haben ein internes Ampelsystem entwickelt. Die setzt sich zusammen aus den Fallrückständen, also nicht ermittelten Fällen am Ende einer Schicht und der 7-Tage-Inzidenz von Neukölln."
Christine Wagner, Amtsärztin

Um die Kontaktverfolgung weiter gewährleisten zu können, wurde beispielsweise die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Integrationsabteilung ausgeliehen, um den Neuköllner Coronastab zu unterstützen.

Bundeswehr-Soldaten werden alle paar Wochen ausgewechselt

Weil das nicht ausreicht, hat das Gesundheitsamt Amtshilfe von der Bundeswehr angefordert. 28 Soldaten aus Norddeutschland, Hessen und Sachsen arbeiten - zum Beispiel in der Telefonzentrale - mit, um das Amt unterstützen.

Über diese Unterstützung ist die Amtsärztin dankbar. Allerdings gibt es eine Schwierigkeit: Die Soldaten müssen alle paar Wochen ausgewechselt werden. Die neu ankommenden Soldaten müssen immer wieder eingearbeitet werden.

Infektionen können nicht auf einzelne Ereignisse zurückverfolgt werden

Das eigentliche Problem, das zurzeit bestehe, sieht die Amtsärztin darin, dass die Infektionsverteilung diffus sei. Das bedeutet, dass das Gesundheitsamt die Fälle momentan nicht mehr auf einzelne Ausbruchsgeschehen zurückverfolgen könne.

Auch hat das Gesundheitsamt die Strategie angepasst: Auch Infizierte selbst sollen jetzt Kontaktpersonen informieren. Außerdem sind jetzt Schul- und Kita-Leiterinnen befugt, Menschen in Quarantäne zu schicken: Etwas, das zuvor nur die Behörde machen durfte.

Alle Ressourcen nutzen

Das Neuköllner Finanzamt hat vor einigen Wochen einen Trakt geräumt, damit das Corona-Callcenter hier einziehen konnte. An den Schreibtischen sitzen längst nicht mehr nur die Beamten der Behörde und die angeforderten Bundeswehr-Soldaten.

Serkan Çetinkaya zum Beispiel ist Schauspieler. Durch die Pandemie waren viele seiner Aufträge weggebrochen. Seit er in der Telefonzentrale des Corona-Stabs des Gesundheitsamts Neukölln angeheuert hat, hat er mehr zu tun als er tatsächlich bewältigen kann.

Denn von Tag zu Tag nimmt die Zahl der Fälle und Anrufe zu. Sein Telefon blinkt ununterbrochen, um Anrufe anzuzeigen. Mit gezielten Fragen versucht er festzustellen, ob jemand, der Kontakt zu einer infizierten Person hatte, als Kontaktperson ersten Grades eingestuft werden muss.

Fragen, ob die Begegnung bei geöffnetem Fenster oder während beide eine Maske getragen haben, erfolgt ist, hilft ihm, weiter einzugrenzen, wie hoch das Infektionsrisiko im jeweiligen Einzelfall ist.

Podcast, um Menschen besser zu informieren

Nach Feierabend trifft sie die Amtsärztin mit Serkan Çetinkaya, dem Mitarbeiter aus dem Corona-Callcenter. Gemeinsam haben die beiden einen Podcast für das Gesundheitsamt gestartet.

Das Ziel ist es, die Leute zu informieren – das sei jetzt das beste Hilfsmittel, sagt die Amtsärztin Christine Wagner.