Zwar haben die Schulen nach den Sommerferien wieder geöffnet, voll besetzt sind die dennoch nicht. Denn täglich werden tausende Kinder in Quarantäne geschickt. Das zeigt auch: Wirklich vorbereitet auf eine 4. Welle sind die Schulen nicht.

Allein in NRW wurden in den vergangenen Tagen über 30.000 Kinder und Jugendliche in Quarantäne geschickt. Mehr als 6.000 haben sich infiziert. Die Gesundheitsämter kommen kaum mit dem Versenden der entsprechenden Briefe hinterher. Die Prüfung von Ausnahmen für geimpfte oder genese Schülerinnen und Schüler hinkt ebenfalls. Zudem wird derzeit sehr unterschiedlich mit den steigenden Zahlen umgegangen.

In Hamburg überlegt man derzeit die Quarantäne auf fünf Tage zu verkürzen. In Berlin wurde bereits beschlossen, die Quarantäne von Mitschülern und Kita-Kindern auf fünf Tage zu verkürzen. In Baden-Württemberg soll es dagegen keine Quarantäne für die Klasse geben, dafür fünf Tage lang täglich einen Schnelltest.

Wer geimpft ist, muss nicht in Quarantäne. In Kitas gilt derzeit: Kinder, die Kontakt zu einem infizierten Kind hatten, machen einen Schnelltest. Ist dieser negativ, müssen sie ebenfalls nicht in Quarantäne.

Hohe Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen

Es wirkt also so, als ob es an Corona-Konzepten zum neuen Schulstart mangelt – und das, obwohl die Inzidenz derzeit vor allem bei den Jüngeren steigt.

Im Durchschnitt liegt die Inzidenz aktuell (02.09.2021) bei 76 in Deutschland – für Menschen zwischen 10 und 24 Jahren sogar bei 100. Das bedeutet: In einigen Landkreisen liegt sie damit sogar über 300, erklärt Medizinjournalistin Christina Sartori.

"Die Inzidenz im Durchschnitt in Deutschland, also bei allen egal ob alt oder jung, liegt gerade bei 76. Bei den Zehn- bis 24-Jährigen liegt sie im Durchschnitt über 100. Das bedeutet: In einigen Landkreisen liegt sie über 300."
Christina Sartori, Medizinjournalistin

Das ist kein Wunder, sagt Christina Sartori weiter. Denn einerseits sind viele Kinder und Jugendliche nicht vollständig geimpft, da für Kinder unter 12 noch kein Impfstoff zugelassen ist und für Kinder von 12 bis 15 die Ständige Impfkommission eine Impfung erst im August empfohlen hat. Wer sich da sofort hat impfen lassen, wird frühestens Ende September vollständigen Impfschutz haben.

Zudem gibt es derzeit keine Gruppe, die so oft getestet wird, wie Kita-Kinder und Schülerinnen und Schüler. Ungeimpfte Erwachsene müssen sich in der Regel nicht zwei bis drei Mal in der Woche testen lassen, sagt Christina Sartori.

Ein Plan wäre: Durchseuchung

Doch wie geht es jetzt weiter mit den Schülerinnen und Schülern? Ein Plan wäre: das Virus laufen lassen, also eine Art Durchseuchung. Das höre sich zwar schrecklich an und keine Politikerin oder kein Politiker träten öffentlich dafür ein, sagt Christina Sartori. Aber wer während einer vierten Welle weiter lockere, nehme genau das in Kauf.

"Wer hohe Inzidenzen zulässt in der Gesellschaft, wer jetzt in der vierten Welle weiter Maßnahmen lockert, der nimmt eine Durchseuchung in Kauf – das muss man ganz klar sagen."
Christina Sartori, Medizinjournalistin

Denn wenn die Inzidenz in der Gesellschaft hoch ist, dann gibt es auch mehr Ansteckungen in Kitas und Schulen. Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass derzeit zwar eine Impfung für unter Zwölfjährige erprobt werde, bis diese aber auch ihre Zulassung erhalte, würden noch Monate vergehen.

Geringes Risiko auf schwere Covid-19-Verläufe

Was die Folgen eine Corona-Infektion bei Kindern betrifft, sprechen sich viele Kinder- und Jugendärzte dafür aus, dass die seelischen und körperlichen Schäden durch die ständige Quarantäne größer seien als die Infektion an sich.

Viele bisherige Untersuchungen deuten auch darauf hin, dass das Immunsystem von Kindern eine Corona-Infektion in der Regel besser bekämpfen kann, da es vor allem sehr aktiv in den oberen Atemwegen ist, also genau da, wo die Coronaviren ankommen, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter.

Michael Böddeker, Deutschlandfunk-Nova-Reporter
"Bei Kindern ist das Immunsystem genau dort besonders aktiv, wo es drauf ankommt: nämlich in den oberen Atemwegen. Das ist ja meistens der Ort, wo die Viren ankommen."

Allerdings kommt in den seltensten Fällen, bei etwa einem von 5.000 oder 10.000 Kindern, das PIMS-Syndrom vor – eine schwere Erkrankung, die nach jetzigem Wissenstand zwar ohne Spätfolgen bleibt, aber meist auf der Intensivstation behandelt werden muss. Ein Risiko durch eine Corona-Infektion gibt es also auch für Kinder, sagt Christian Sartori.

"Keiner kann sagen, dass es gar kein Risiko gibt für Kinder durch das Virus – es ist nur gering."
Christina Sartori, Medizinjournalistin

Die Kinder vor den Erwachsenen schützen

Ein anderer Plan, mit dem man Kinder vor dem Virus bewahren könnte, lautet: die Kinder vor den Erwachsenen schützen, die sich ja impfen lassen und somit das Virus ausbremsen können. Notfalls müsste man auch wieder gewisse Maßnahmen verschärfen, um die Inzidenz zu senken. Damit sinke auch das Risiko, sich in der Kita oder Schule anzustecken, so Christina Sartori.