Viele stehen eng an eng, bewegen sich zu Beats und Bässen, johlen, tanzen und schwitzen kräftig dabei – Großveranstaltungen in Innenräumen sind zurzeit undenkbar. Außer: Es handelt sich wie beim Tim-Bendzko-Konzert am Samstagabend (22.08.2020) in Leipzig um ein Experiment, bei dem erforscht wird, wie hoch das Ansteckungsrisiko mit dem neuartigen Coronavirus bei diesen Events tatsächlich ist.

Das Tim-Bendzko-Konzert, das am vergangenen Samstag (22.08.2020) in der Arena Leipzig stattgefunden hat, war kein normales Konzert. Es war vielmehr eine Konzert-Simulation. Eigentlich hat der Sänger an diesem Abend drei Auftritte gehabt. Denn zwischen den Bühnenshows gab es aufwendige Umbauten, um das Publikum neu anzuordnen.

Den Forschenden der Universitätsklinikum Halle (Saale), die sich diesen Versuch unter dem Projektnamen Restart-19 ausgedacht haben, ging es darum, verschiedene Szenarien durchzuspielen. Damit wollen sie die Frage beantworten, wann das Risiko, sich mit dem neuartigen Coronavirus anzustecken, besonders hoch oder niedrig ist.

"Also richtig super, mir hat es total gut gefallen. Es war irgendwie einfach mal so ein Stück Normalität wieder."
Besucherin einer Konzert-Simulation
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Sänger Tim Bendzko bei seinem Auftritt für den Großversuch der Universitätsmedizin Halle/Saale in der Arena Leipzig.

Drei verschiedene Versuchsaufbauten

Um zu messen, wie hoch die Risiken für eine Ansteckung sind, benötigen die Forschenden Vergleichswerte. Deswegen haben sie sich drei verschiedene Szenarien ausgedacht und diese nacheinander getestet. Die Abstände zwischen den Konzertbesuchern variierten bei jeder der drei Simulationen. Während des gesamten Konzerts mussten alle Anwesenden eine FFP2-Schutzmaske tragen.

  1. Bei der ersten Konzertsimulation sitzen die Besucher alle dicht an dicht. Die Stimmung im Saal erinnert unseren Reporter Maximilian Brose stark an die Zeiten, bevor die Corona-Pandemie begonnen hat.
  2. Beim zweiten Szenario wurden die Konzertgänger mit etwas mehr Abstand platziert und es gab auch abgetrennte Zuschauerblöcke.
  3. Beim dritten Versuchsaufbau hatten alle Besucher mindestens 1,5 Meter Abstand zur nächsten Person.
Sitzordnung beim Tim-Bendzko-Konzert
© picture alliance | Hendrik Schmidt | dpa-Zentralbild | ZB
Verschiedene Sitzordnungen werden in drei Szenarien bei einem Konzert von Tim Bendzko als Großversuch durchgespielt.

Kontakttracer, um festzustellen, wie riskant ein Kontakt ist

Ursprünglich sollten an diesem Experiment 4.200 Personen teilnehmen. Letztendlich kamen aber nur 1.400 Personen in die Arena Leipzig. Der Leiter der Studie, Stefan Moritz, sei, laut mdr.de zuversichtlich, dass die Daten ausreichen, um valide Ergebnisse zu erzielen.

Die Konzertbesucher wurden in den 48 Stunden vor dem Konzert mit einem Rachenabstrich auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus getestet. Alle Besucher wurden mit einem Kontakttracer ausgestattet.

Das Gerät, das so groß wie eine Streichholzschachtel ist, hatten alle Konzertgänger um den Hals. Der Kontakttracer dient dazu, festzustellen, wie oft es zu einem Kontakt zwischen verschiedenen Personen es kommt. Je nach Länge des Kontakts wurde dieser dann als mehr oder weniger riskant eingestuft.

Also immer, wenn er einen Kontakt hatte - als Kontakt zählen wir alles, was unter 1,5 Metern ist - wird das eben registriert. Und wenn irgendwann eine Zeit überschritten ist, dann nehmen wir das als kritischen Kontakt.“
Stefan Moritz, Universitätsklinikum Halle (Saale)
Einlass beim Tim-Bendzko-Konzert in der Arena Leipzig.
© Deutschlandfunk Nova | Max Brose
Die genaue Regelung der Einlass-, Abstands- und Hygienevorschriften wird eingehalten.

Hygieneaufpasser und Fluoreszenzfarbstoff

Des Weiteren gab es 40 Mitarbeiter, die darauf geachtet haben, dass alle Konzertgänger ihre Schutzmasken getragen haben. Außerdem hat das Forscherteam einen Fluoreszenzfarbstoff in das Desinfektionsmittel gemischt, das zur Reinigung der Hände bereitgestellt wurde. Damit wollen die Wissenschaftler feststellen, welche Flächen besonders häufig angefasst werden.

"Ich bin Psychologiestudent und weiß, wie wichtig es ist Daten, zu erheben, und deswegen bin ich froh, dass alles so ruhig geklappt hat."
Besucher der Konzert-Simulation

Computersimulation für die Ausbreitung der Aerosole

Die Daten, die bei den Konzertsimulationen gesammelt wurden, werden auf unterschiedliche Arten ausgewertet. Die Forschenden nutzen beispielsweise ein aufwendiges Computermodell der Arena Leipzig, um auszuwerten, wie sich die Aerosole im Raum verteilen. Denn sie spielen einen wichtigen Faktor bei der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus.

Nachdem alle unterschiedlichen Daten von Abstrichen, dem Computermodell und den Kontakttracern ausgewertet worden sind, sollen sie in mathematischen Modellen zusammengeführt werden. Die Resultate aus dieser Studie sollen erste Ergebnisse für Indoor-Veranstaltungen liefern, die der Veranstaltungsbranche möglicherweise etwas mehr Sicherheit bei der Planung geben können.

Das ist die erste Studie ihrer Art, die inzwischen auch international auf Interesse gestoßen ist. Aktuell planen drei weitere Forschungsgruppen aus Belgien, Australien und Dänemark nun ähnliche Studien.