Im Umgang mit den aktuellen Corona-Maßnahmen strebt die Bundesregierung eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 an. Sollten wir das erreichen, wäre es sinnvoll, die Maßnahmen beizubehalten, statt sie zu lockern, fordern Experten.

Seit Mitte Dezember 2020 sind in Deutschland die meisten Geschäfte, Schulen und Kitas geschlossen. Der sogenannte "Lockdown" soll erst einmal bis zum 14. Februar gelten. Das Ziel: Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner soll auf einen Wert von 50 oder darunter sinken.

Ist das der Fall, lohnt es sich allerdings, die Corona-Maßnahmen beizubehalten und diese nicht wieder voreilig zu lockern, erklärten der Direktor für Innere Medizin der Uniklinik Köln, Michael Hallek, der Leiter der Forschungsgruppe für komplexe Systeme der Humboldt-Universität zu Berlin, Dirk Brockmann, und die Professorin für Gesundheitskommunikation von der Universität Erfurt, Cornelia Betsch, beim Presse-Briefing des Science Media Center (SMC).

Mit Inzidenz von zehn zu mehr "Normalität"

Dafür sprächen einerseits die ansteckenderen Virus-Varianten. Andererseits sei es so möglich, die Fallzahlen innerhalb weniger Woche weiter sinken zu lassen, so Michael Hallek von der Uniklinik Köln. Das war zum Beispiel in Melbourne der Fall: Dort sei der Inzidenzwert innerhalb kurzer Zeit auf unter zehn gefallen und damit sehr niedrig.

Bei weniger als zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern könnte wiederum mehr Normalität in unseren Alltag zurückkommen, gleichzeitig würden kleinere Schwankungen weniger stark ins Gewicht fallen als bei einer Inzidenz von 50.

Grüne-Zonen-Strategie

Als Beispiel für eine Strategie zur Eindämmung der Neuinfektionen nennen die Forschenden unter anderem die "Grüne-Zonen-Strategie" in Australien: Dort werden die Corona-Maßnahmen abhängig von der Anzahl der Neuinfektionen lokal angepasst.

Rote Zonen sind dort, wo die Inzidenz hoch ist. Für die Einwohnerinnen und Einwohner heißt das zum Beispiel, sie müssen sich an verschärfte Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen halten. In Zonen mit Fallzahlen von zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern, also grünen Zonen, ist deutlich mehr wieder möglich, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sabrina Loi. Ziel sei es, die grünen Zonen konstant auszudehnen.

Der Vorteil dieser Strategie: Bricht das Virus in einer der grünen Zonen wieder stärker aus, könnten Vorschriften schneller und einfacher angepasst werden – auch, weil die Kontaktrückverfolgung bei niedrigeren Zahlen besser möglich ist. Zudem könne die Grüne-Zonen-Strategie einen motivierenden Effekt haben, ähnlich wie bei einem Wettbewerb.

"Wenn die Kölner sehen, dass die Düsseldorfer schon in einer grünen Zone leben, während Köln noch rot ist – das kann schon Sachen in Gang bringen."
Sabrina Loi, Deutschlandfunk Nova

Dass sich die Einwohnerinnen einer roten Zone wegen gelockerter Maßnahmen in eine grüne Zone fahren, sei laut Mobilitätsuntersuchungen unwahrscheinlich, so die Forschenden. Die würden zeigen, dass 80 Prozent der Mobilität innerhalb des eigenen Landkreises – also der eigenen Zone – stattfinde.

Den Rest könnten stichprobenartige Verkehrskontrollen abdecken, so die Experten, um zu schauen, ob Einwohner einer roten Zone diese ohne ersichtlichen Grund verlassen, oder ob sie etwa für ihre Arbeit in eine grüne Zone fahren würden. Strafen und Bußgelder könnten bei Nicht-Einhalten helfen, zu regulieren.