In Südkorea werden massenhaft Menschen auf Sars-CoV-2 getestet – auch ohne Symptome und ganz ohne Lock-down. Hans Nieswandt lebt in Seoul und wundert sich. Die Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori sieht hingegen keine so großen Unterschiede bei der Virusbekämpfung zwischen Deutschland und Südkorea.

Italien, Frankreich, Österreich, Spanien, Großbritannien auch Deutschland: Viele Länder reagieren mit einem Lock-down oder Ausgangssperren und anderen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit auf die Covid-19-Pandemie.

In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul hat es seit Februar, seit dem ersten großen Ausbruch, keinen Lock-down und keine Ausgangssperre gegeben. Südkorea war zeitweise nach China das Land mit den meisten Infektionen. Es ist ziemlich dicht bewohnt. Insgesamt leben dort rund 51,5 Millionen Menschen. Mittlerweile sinkt die Zahl der Neuinfektionen – langsam aber sicher.

Frühes Stadium, hohe Aggressivität

Hans Nieswandt ist im Dezember nach Seoul gezogen und lebt seitdem in der Millionenstadt. Wir haben mit dem DJ, Musikproduzenten und Buchautor darüber gesprochen, was in seiner koreanischen Lebensumgebung denn gerade anders läuft, als in Deutschland. Die Berichte von Hamsterkäufen und Ausgangssperren in Deutschland verwundern ihn.

Unterwegs in Seoul: Hans Nieswandt
© privat
Lebt in Seoul: Hans Nieswandt, Musikproduzent, DJ und Autor

Besonders erstaunt ist er, dass die Aggressivität des Virus, die besonders große Ansteckungsgefahr im Frühstadium einer Infektion, in Deutschland nicht zum Allgemeinwissen gehört. In Südkorea werden massenhaft Menschen getestet, auch wenn sie keine Symptome haben. Die Testquote in dem Land ist – verglichen mit Deutschland – etwa dreimal so hoch.

Unkomplizierte Tests

Zu den massenhaften Tests gehört auch die Möglichkeit, mit Autos in Teststationen zu fahren. Die Tests sind in Südkorea grundsätzlich kostenlos und massenhaft verfügbar. Er berichtet, dass der erste massive Ausbruch von Covid-19 in Südkorea in der Stadt Daegu registriert wurde. Das war Mitte Februar. Die Stadt liegt im Süden des Landes. Trotz intensiver regionaler Isolationsmaßnahmen wurde die Stadt nicht abgeriegelt. Dafür wurde massenhaft getestet und versucht, die Infektionen akribisch zurückzuverfolgen.

"Es gab auch direkt, ganz am Anfang, sehr schnell sehr weit angelegte Massentests."
Hans Nieswandt, Musikproduzent und Autor, lebt in Seoul

Eine Einschränkung der Datenschutzregeln – die Warnungen übers Handy sind teilweise sehr detailliert – nehme er persönlich und die Bevölkerung wohl temporär in Kauf, sagt Hans Nieswand.

Erst testen, dann isolieren

So wurde eine Art systematische Früherkennung etabliert. Auf Grundlage der Ergebnisse sind Menschen dann kleinteilig isoliert worden. Diese Maßnahmen sind begleitet worden von einer groß angelegten Informationskampagne. Hans Nieswandt führt das staatliche Handeln auf die Erfahrung zurück, die das Land vor Jahren mit einer anderen Form des Sars-Virus gemacht hat.

"Sobald eine Ansteckung festgestellt wurde, wurde deren Ansteckungsweg zurückverfolgt."
Hans Nieswandt, Musikproduzent und Autor, lebt in Seoul

Wir haben auch mit der Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori über das Vorgehen gegen Covid-19 in Südkorea und in Deutschland gesprochen. Sie sagt, dass die Gesundheitsbehörden in Deutschland durchaus ähnlich verfahren wie in Südkorea: Infizierte und Kontaktpersonen sind rasch identifiziert und rasch isoliert worden. Als die Zahl der Infektionen niedrig war, bei dem Ausbruch in der Firma Webasto in Bayern beispielsweise, habe das auch funktioniert.

Weitreichendere Informationskampagnen und deutschlandweite Maßnahmen wie in Südkorea wären nach Einschätzung von Christina Sartori zu diesem frühen Zeitpunkt unangebracht gewesen.

Christina Sartori, Wissenschaftsjournalistin
"Man muss bei einer Neuinfektion die Kontaktperson finden und dann in Quarantäne schicken."

Als dann aber viele Menschen mit Infektionen aus den Skigebieten nach Deutschland zurückgekommen sind, sei das bewährte Verfahren, hierzulande anders als in Südkorea, nicht mehr praktikabel gewesen.

Die Zahl der Neuinfektionen sei dafür zu hoch und räumlich zu weit gestreut gewesen. In Südkorea ließen sich außerdem wegen seines quasi-inselähnlichen Status die Einreisen besser kontrollieren.

Erst Webasto, dann Heinsberg

Bei dem Ausbruch der Krankheit im Ort Heinsberg sei die Lage eine andere gewesen als bei dem Webasto-Ausbruch, sagt Christina Sartori. Nach einer Karnevalsfeier waren in Heinsberg viele Ansteckungen mit Covid-19-verzeichnet worden. Dann habe aber durchaus eine umfassendere Informationskampage eingesetzt.

Rückwirkend sei es immer leicht, Entscheidungen zu kritisieren. Fußballspiele mit Publikum habe es aber in Deutschland wohl ein Wochenende zu lang gegeben, findet Christina Sartori. Grundsätzlich müssten alle Maßnahmen aber von der Bevölkerung akzeptiert und mitgetragen werden, sonst blieben sie ohne Wirkung.

Christina Sartori, Wissenschaftsjournalistin
"Wenn Maßnahmen nicht akzeptiert werden, dann bringen die nichts, dann schummeln die Leute."