Crystal Meth macht wach. So richtig wach. So wach, dass man die 24 Stunden eines Tages komplett nutzen kann. Ohne Schlaf. Jede Stunde, jede Minute kann man nutzen. Um zu leisten. Drei Jobs? Kein Problem. Sport, Kinder, Party? Geht alles. So lange, bis der Körper dann doch schlapp macht.

Wenn es um das Thema Rausch geht, dann geht es auch meistens um Spaß. Um das Enthemmte, das absolute Loslassen. Aber Crystal Meth passt vor allem in den Alltag. Wer nie müde ist, wer nicht schlafen muss, kann leisten. Das Suchtschema ist damit ein anderes. Eines, das nicht vergleichbar ist mit dem herkömmlicher Partydrogen. Es macht den Alltag ja nicht kaputt, es revolutioniert ihn - zumindest anfänglich.

"Aufstehen gab's ja relativ selten, ich habe ja gar nicht mehr soviel geschlafen. Meistens war ich acht, neun Tage wach."
Alice über ihren Tagesablauf auf Crystal Meth

Im bayerischen Bad Aibling hat sich eine Klinik genau auf diese Form der Sucht spezialisiert. Die Sucht ohne Rausch. Alice ist seit zwei Monaten Patientin in dieser Klinik. Sie ist Anfang 20 und sieht kein bisschen so aus wie es die Horrorbilder von Meth-Süchtigen vermuten lassen. Keine schrumplige Haut, keine verfaulten Zähne, kein schütteres Haar. Nein, Alice sieht sogar ziemlich hübsch aus: rot gefärbte Haare, schlanke Figur, rot gefärbte, lange Haare, ein Piercing und stylische Klamotten. Die Therapie war ihre eigene Entscheidung - sie ist freiwillig in Bad Aibling.

Die sächsische Version von Twin Peaks

Mit drei Jobs hat Alice sich versucht über Wasser zu halten, um nicht "aufs Amt zu müssen", wie sie sagt. Sie hat in einem Gasthaus in der Nähe von Chemnitz gekellnert. Deutsche Küche, eine Pension, große Terrasse, Eiscafé und zwei großen Säle. Ihren Job hat Alice geliebt. Der Umgang mit den Gästen, die Späße, das Herumwirbeln - das war ihr Lebensinhalt. Immer mal wieder verschwindet sie zwischendurch auf der Toilette, um eine Line Crystal nachzulegen. Und dann wird weiter gelächelt, mit den Gästen geflachst und serviert.

Fünf Jahre lang ging das gut. Kaffee aus Kännchen und eine Kellnerin mit Trip im Dirndl. Wenn Alice davon erzählt, klingt das wie die sächsische Version von Twin Peaks. Crystal Meth ist die gefährlichste und sonderbarste Droge, die man in Deutschland bekommen kann. Crystal ist die Droge für alle, die sich Koks nicht leisten können und denen der Rausch nicht so wichtig ist.

"Irgendwann läuft alles schief. Alles aus dem Ruder. Man denkt die ganze Zeit, man hat alles im Griff, es läuft und läuft, aber irgendwann kommt die Spitze vom Eisberg. Die Familie ist weg. Die Freunde sind weg. Schlag auf Schlag."
Alice entgleitet der Alltag, obwohl sie glaubt, alles im Griff zu haben

Die unsichtbare Grenze

Mit Crystal Meth kauft man sich Zeit. Zeit, die man sich durch die Nase ziehen kann oder in die Lunge inhaliert. Weil man nicht mehr schlafen muss. Aber irgendwann übernimmt die Droge die Kontrolle über den Alltag. Schleichend. Es ist ein Prozess und Alice kann nicht mal so richtig sagen, wann sie angefangen hat zu merken, dass sie die Dinge nicht mehr im Griff hat.

Auch Thomas, der wie Alice in der Klinik in Bad Aibling eine Therapie macht, ist der Alltag völlig entglitten. Auch er sieht nicht aus, wie ein Crystal-Meth-Zombie, obwohl er die Droge neun Jahre lang konsumiert hat. Dafür ist sein Herz angegriffen. Crystal hat seine Herzklappen zerstört - und sein Gehirn angegriffen. Er kann sich nicht einmal auf die einfachste Rechenaufgabe konzentrieren.

"Ich bin schon froh, dass ich aufgehalten worden bin, weil ich nicht weiß, wie das alles so weitergegangen wäre."
Thomas wurde von der Polizei erwischt, landete wegen Drogenhandel im Knast

Dieser eine Moment

Für Christoph war es schon fast zu spät, als er sich endlich zur Therapie in der Suchtklinik entschlossen hat. Er hat unter Paranoia gelitten - eine der psychischen Nebenwirkungen der Droge, von denen fast alle in der Suchtklinik berichten. Irgendwann hat er es nicht mehr ausgehalten. Er versucht einen kalten Entzug, scheitert, will sich mit Tabletten das Leben nehmen. Gerade noch rechtzeitig findet ihn eine Freundin.

"Da hab ich zu meinem Vater gesagt, ich mach's, aber die zwei Wochen die ich bis zum Krankenhaustermin noch habe, brauch ich noch Geld für Crystal."
Christoph über den Moment, in dem er sich zur Therapie entschließt

Alle drei haben ihren Geschichten DRadio-Wissen-Autorin Elli Veh erzählt. Sie hat Alice, Thomas und Christoph in Bad Aibling besucht um herauszufinden, was Crystal Meth so gefährlich macht. Und warum es so schwierig ist, sich von dieser Droge wieder zu befreien. Die Antworten, die sie in ihrer Reportage findet, sind erschreckend, traurig - und nur allzu nachvollziehbar. Vielleicht die Kehrseite der Leistungsgesellschaft. Und vielleicht der Grund, warum keiner der Drei laut "Ja!" schreit, wenn Elli Veh sie fragt, ob sie sich ein Leben ohne Crystal vorstellen können. Es ist eher ein leises: "Hoffentlich. Vielleicht..."