Mary braucht Geld für ihre Therapie. Deshalb nimmt sie einen Nebenjob bei einem berühmten Schauspieler an – und wird zur Protagonistin eines Experiments der Gefühle. In "Das Girlfriend-Experiment" von Catherine Lacey geht es um Freundschaft und Liebe und ob sich beides inszenieren lässt.

Kann man Lieben einstudieren, und durch das Wiederholen von Sätzen und Handlungen wahr werden lassen? Wie viel muss man von sich selbst aufgeben, um für jemand anderen die oder der "Liebende per Knopfdruck oder Regelwerk" zu sein? In ihrem Roman "Das Girlfriend-Experiment" (Originaltitel "The Answers") versucht Catherine Lacey, diese Fragen zu beantworten.

Liebende per Knopfdruck

Eigentlich weiß Mary, was sie erwartet. Was sie sagen soll. Und wie sie es sagen soll. Trotzdem ist sie nervös, fühlt sich verkleidet. Mary trägt die vorgeschriebene Kleidung und das vorgeschriebene Make-up. Auch hat sie wie vorgeschrieben meditiert und dafür das ausgehändigte Smartphone benutzt. Und sie ist pünktlich. Sie sitzt in einem supergeheimen Hinterzimmer, zu dem man nur findet, wenn man eingeweiht ist.

Ein "Tonikum für Gesundheit und Lebenskraft"

Als würde er ihre Gedanken lesen können, steht plötzlich ein Kellner neben Mary und reicht ihr ein Glas mit einer hellrosa Flüssigkeit, ein "Tonikum für Gesundheit und Lebenskraft" erklärt der Mann ungefragt. Mary nickt und trinkt. Und das Zeug haut rein. Vergessen ist jede Sorge, weg ist jeder Druck.

"Und dann ist er da. Der Mann, der sie gebucht hat. Ihr Auftraggeber. Kurt Sky. Er umarmt sie, als würden sie sich schon eine Ewigkeit kennen."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin

In keinem Fall soll Mary Kurt trösten. Dafür gibt es die Mütterliche Freundin. Genauso wenig darf sie ihn unterbrechen oder mit ihm diskutieren, das darf nur die intellektuelle Freundin, vielleicht auch die Wut-Freundin, so genau weiß Mary das nicht. Sie selbst ist die Emotionale Freundin. Sie soll mitfühlen.

Mary ist die Hauptfigur in Catherine Laceys neuem Roman "Das Girlfriend-Experiment". Darin erzählt Lacey von einer Frau, die sich selbst abhandengekommen ist und nicht weiß, warum. Die nicht weiß, was sie fühlen darf, und warum sie am Leben ist, ein Leben, das ihr nur Schmerzen bereitet. Irgendwann hatte das angefangen, dass ihr alles wehtat, erst der Kopf, dann der Rücken, und der Magen. Der Mund trocken, die Zunge taub, riesige Knubbel unter der Haut und dazu die totale Erschöpfung.

Chance oder Katastrophe

Mary rennt von Arzt zu Arzt, probiert jede alternative Heilmethode aus, trinkt literweise bittere Tees, die ihr ihre beste - und einzige - Freundin Chandra verordnet. Chandra ist ziemlich spirituell unterwegs, ganz anders als Mary. Die glaubt an gar nichts. Und dann erzählt ihr Chandra von Ed. Ed sei anders. Ein Heiler, der eine besondere Therapie beherrsche. Irgendwas mit Pneuma, mit Wellen, und Schwingungen, und Druck. Mary geht zu ihm, lässt sich und ihre Aura ordentlich von ihm durchkneten, und es tut ihr sogar gut, schon nach der ersten Sitzung, aber: Sie kann sich Ed nicht leisten.

Entweder muss sie Ed absagen – oder sie muss einen anderen, besser bezahlten Job finden. Unwahrscheinlich. Doch dann entdeckt Mary eine Annonce am Schwarzen Brett im Reformhaus. Da wird ein "einkommenschaffendes Erlebnis" versprochen. Das könnte alles sein. Die Chance ihres Lebens – oder die totale Katastrophe. Als sie auf die Annonce reagiert, ahnt Mary nicht, dass schon bald beides der Fall sein wird. Mary hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass sie einen Vertrag unterschreiben wird, der sie und ihre Gefühle Teil eines Experiments werden lässt. Ein Experiment, bei dem sie scheitern wird. Aber: nicht an sich selbst.

Ein Experiment, bei dem Mary scheitern wird

Catherine Lacey wurde in Mississippi geboren und lebt in Chicago. Für ihren ersten Roman "Niemand verschwindet einfach so" wurde sie 2016 mit dem Whiting Award ausgezeichnet. Auch ihr zweiter Roman "Das Girlfriend-Experiment" wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen.

"Das Girlfriend-Experiment" (OT: "The Answers") von Catherine Lacey, aus dem Englischen von Bettina Abarbanell, erschienen im aufbau-Verlag, 320 Seiten, gebundenen Ausgabe: 22 EUR, eBook: 16,99 EUR, ET: Juli 2019