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Wlada Kolosowa schreibt in ihrem Buch "Der Hausmann" über das Großstadtleben von Menschen in Berlin, die wir alle sein könnten. Es behandelt die Themen Gentrifizierung, Einsamkeit, Identität und den Druck in der Gesellschaft.

Es ist die erste Nacht in der neuen Wohnung, weit nach Mitternacht – und im Hof stirbt ein Tier. Tim ist schleierhaft, welches Tier beim Sterben so schreckliche Töne von sich geben kann. Und auch, warum Thea nicht davon aufgewacht ist.

Ist das überhaupt ein Tier? Tim steht auf der Feuertreppe und horcht in den Hof. Stille. Großstadtstille. Großstadtrandstille. Vier Haltestellen außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings. Also keine richtige Stille. Irgendwo lärmen Kinder.

Aber das Tier gibt plötzlich keinen Mucks mehr von sich. Zu Ende gelitten? Vielleicht. Oder es holt nur Luft. Das Warten auf den nächsten Schrei ist fast schlimmer als der Schrei selbst"

Großstadtleben, Gentrifizierung und Identität

"Der Hausmann" von Wlada Kolosowa ist ein besonderer Roman. Die Themen, die das Buch behandelt, sind nicht wirklich neu, schon gar nicht in der Literatur, Themen wie: Gentrifizierung in Großstädten, Migration und Identität.

Wlada Kolosowa geht es ihrem Buch aber auch um Nachbarschaft und Einsamkeit und Druck. Den Druck vom Landesamt für Einwanderung, vom Arbeitsamt, von den Eltern, von der Geschäftsleitung, die am Laufband-Schreibtisch wichtig tut, Überstunden nicht anerkennt und trotzdem erwartet, dass man jederzeit erreichbar, kreativ und gut gelaunt ist. Und nicht zuletzt bindet die Autorin auch den Diskurs über Liebe und Geschlechterrollen mit in ihr Buch ein.

"Wlada Kolosowa erzählt von Menschen, die wir sein könnten, und das so nah, so liebevoll und lustig, dass man nicht aufhören will, lesend dabei zu sein."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin

Was zuerst auffällt: "Der Hausmann" enthält einen Comic, eine Graphic Novel über ein Mädchen namens Altana, gezeichnet von Raúl Soria. Daneben finden sich Blog-Einträge, Chat-Verläufe und Tagebuch-Einträge. Dadurch erzählt Wlada Kolosowa von Menschen, die wir sein könnten, und das so nah, so liebevoll und lustig, dass man nicht aufhören will zu lesen, findet unsere Literatur-Expertin Lydia Herms.

Wir könnten Tim sein, der Künstler ist und mal mehr, mal weniger an seinem dystopischen Comic über den Klimawandel zeichnet. Tim und seine Freundin Thea konnten sich die Miete ihrer alten Wohnung am Maybachufer, einer beliebten Gegend in Berlin, nicht mehr leisten. Jetzt wohnen sie in einem Teil von Neukölln, vor dem manche Menschen dringend warnen.

Tim schmeißt den Haushalt, während Thea anfängt, bei einem Start-up zu arbeiten, das veganes Hundefutter verkauft. Bereits nach zwei Wochen sieht sie das Team häufiger als Tim, isst kaum und schläft nur, wenn sie eine Tablette genommen hat. Und Tim – er putzt.

Wir könnten der 19-jährige Ukrainer Maxim sein, der so schnell wie möglich Deutsch lernen will, um dann einen Roman zu schreiben. Wir könnten die 80-jährige Dagmar sein, die in der Einsamkeit das Internet für sich entdeckt und über das Sparen mit kleiner Rente bloggt. Wir könnten Bogdi sein, der Rumäne, der einen Master in Biologie macht und weiß, was da jede Nacht so jämmerlich schreit.

Das Buch:

"Der Hausmann" von Wlada Kolosowa, illustriert von Raúl Soria, Leykam: Verlag, 316 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover, inkl. Comic): 24,50 Euro, eBook: 12,99 Euro, Taschenbuchausgabe: 16,50 Euro; ET: 26.07.2022.

Shownotes
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn dich dein Nachbar fragt, was du gerade liest
vom 02. Juli 2023
Autorin: 
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin