Arda hat monatelang auf den Tag nach ihrer großen Prüfung hingefiebert. Sie dachte, das würde sie glücklich machen. Doch sie fiel in ein emotionales Loch. Die Leere ist nichts Ungewöhnliches. Wir können sie sogar nutzen.
Arda hat sich über ein Jahr auf ihr Staatsexamen vorbereitet. Über Monate hat das Lernen ihren Alltag bestimmt: Sie ist morgens früh aufgestanden und saß bis abends am Schriebtisch.
In den letzten Wochen vor der wichtigen Prüfung für ihr Jura-Studium ist sie sogar zu ihren Eltern gezogen, damit sie sich noch besser auf das Lernen konzentrieren kann.
"Wenn ich das Examen geschafft habe, habe ich alles geschafft. Mehr will ich nicht, dann werde ich glücklich sein – aber so ist es dann natürlich nicht gewesen."
Als sie das Examen dann hinter sich hatte, war der Stress zwar weg, aber gut hat sich Arda danach nicht gefühlt. Statt der Glücksgefühle, die sie erwartet hatte, war sie erschöpft. "Man ist plötzlich doch nicht glücklich mit dem, was man geschafft hat und fällt quasi in ein Loch", sagt sie.
Dopamin falsch verstanden
Die Neurowissenschaft würde sagen: Dieses Gefühl der Leere war auf eine Art vorhersehbar. Das hat damit zu tun, wie Dopamin unser Gehirn beeinflusst. Das ist auch als Glückshormon bekannt, das trifft es allerdings nicht.
Dopamin wurde lange missverstanden, sagt Neurowissenschaftler Frederik Hümmeke. Die Annahme war: Dopamin wird ausgeschüttet, wenn wir ein Ziel erreichen.
"Früher dachte man lange Zeit: Dopamin ist quasi das Glückshormon. Wir kriegen eine Belohnung, dann kommt Dopamin und dann sind wir glücklich – das ist aber ein falsches Konzept."
Diese Annahme wurde allerdings widerlegt. "Dopamin wird ausgeschüttet, wenn wir gerade auf dem Weg sind, ein Ziel zu erreichen. Dopamin misst die Belohnungserwartung, nicht die Belohnungserreichung", erklärt er. Das bedeutet: Die Freude kommt, wenn wir einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel geschafft haben und nicht das Ziel selbst.
Wenn wir immer wieder Zielen hinterherjagen, kann das unser Gehirn auch aus dem Gleichgewicht bringen. Frederik Hümmeke vergleicht das mit einer Wippe: Auf der einen Seite ist das Belohnungssystem und auf der anderen das Stresssystem.
"Was wir heutzutage in der Gesellschaft machen, ist, wir achten darauf, immer auf der Seite der Belohnung zu sein. Wir streben nach dem Nächsten und surfen auf einer kleinen Dopaminwelle, die auch durch Tiktok und Co. angereizt wird. In dem Moment, wo wir ein Ziel erreichen, sagt der Organismus: Ziel erreicht, dann darf jetzt mal die andere Seite der Wippe", so der Neurowissenschaftler. Für uns fühlt sie das wie eine Leere, Zweifel, Traurigkeit an.
Der Weg ist (wirklich) das Ziel
Arda hat sich nach ihrer Prüfung auch die Frage gestellt: Was jetzt? Sie hat sich ein Jahr auf das Staatsexamen vorbereitet und ist ihrem Ziel jeden Tag ein Stück näher gekommen. Der Blick auf ihr Ziel hat ihrem Alltag Struktur und einen klaren Fokus gegeben.
Nach der Prüfung ist das alles erst mal weggefallen. Was dann entsteht, ist eine Art motivationaler Hohlraum, sagt Psychologin und Autorin Ulrike Scheuermann. Also die Leere, die wir dann spüren.
Leere klingt erst mal negativ oder anstrengend. Wenn wir sie aus einer anderen Perspektive betrachten, sei sie auch ein Zeichen dafür, wie engagiert und investiert wir bei unserem letzten Ziel war. Diesen Prozess können wir würdigen, zum Beispiel mit einem besonderen Spaziergang oder einem Essen mit Freund*innen.
"Das Loch ist oft ein Zeichen, dass man vorher voll engagiert und investiert war."
"Das Wichtigste ist letztlich, dem Übergang Zeit zu geben und sich nicht wieder sofort auf das nächste große Ziel zu setzen – man darf sich danach erholen", so Ulrike Scheuermann. Wenn wir die Leere aushalten, könne auch etwas Neues entstehen – etwa eine Idee, Perspektive, Ausrichtung, die wir so vorher nicht gesehen haben.
Dieses Gefühl auszuhalten, brauche vermutlich etwas Übung. Es können belastende Gefühle oder Zweifel hochkommen. Das Neue, was dann daraus entsteht, wäre dann die Belohnung dafür. "Wenn wir aber gleich die nächste Sache planen, machen wir wahrscheinlich etwas, was wir schon kennen und dieses ganz Neue kann dann nicht kommen", erklärt die Psychologin.
Was uns beim Weiterentwickeln auch hilft, ist, darauf zu achten, wer wir durch die Zeit geworden sind, wie wir gewachsen sind, statt nur auf das Ziel zu schauen – das ist Wertschätzung für unsere Entwicklung.
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