Welchen Zweck Musik für das soziale Miteinander von Menschen erfüllt, hat eine Studie untersucht.

Forschende von der Uni Harvard und der University of California haben geschaut, wie das Publikum auf Musik reagiert, um ihre Funktion zu erforschen. Bei Soldaten oder Kriegern, die singen oder musizieren, dient Musik dazu, Verbündete und Feinde zu beeindrucken, sagen die Autoren der Studie.

Durch Marschmusik wird Stärke demonstriert. Kriegstänze wie der Haka, der rituelle Tanz der Maori soll dem Gegner imponieren. Bis heute wird der Haka in Neuseeland vor Rugby-Spielen und auch bei Hochzeiten aus Ehrerbietung aufgeführt.

Eltern haben oft einen ganzen anderen Grund, um mit dem Singen anzufangen und auch ein völlig anderes Publikum.

Denn viele stellen schnell fest, dass der Gesang ihr schreiendes Baby beruhigt. Wahrscheinlich aber nicht, weil das Kleinkind so beeindruckt oder eingeschüchtert von den Gesangskünsten ist.

Schlaflieder als Form von Aufmerksamkeit

Die Forschenden gehen davon aus, dass das Vorsingen der Eltern dem Baby zeige, dass seine Bedürfnisse in diesem Moment im Mittelpunkt stehe.

Denn die Eltern könnten sich, während sie singen, beispielsweise nicht mit einer anderen Person unterhalten. Sie richten beim Singen ihre volle Aufmerksamkeit auf das Baby.

Partnersuche nicht alleiniger Grund für Evolution von Musik

Das Wissenschaftsteam vermutet, dass Menschen auch zum Teil musizieren, um einen Partner zu finden. Dass das evolutionsbiologisch gesehen nicht der einzige Grund sein kann, begründen die Forschenden damit, dass Männer dann deutlich musikalischer sein müssten als Frauen.

Außerdem müssten Frauen dann auch eine extrem gut entwickelte Hörfähigkeit haben. Denn sie müssten, wenn Musik nur aus dem Bedürfnis nach Partnersuche entstanden sei, auseinanderhalten können, welcher Mann gut singe oder gut Klavier oder Gitarre spiele.

Da es keine Belege dafür gibt, dass Männer musikalischer sind und Frauen besser hören können, kann die Evolution der Musik nicht allein auf die Partnersuche zurückgeführt werden.

"Charles Darwin hat das beispielsweise auch vermutet, also das Singen ein Teil der Partnersuche ist. Genauso wie es bei Vögeln der Fall ist."
Nele Rößler, Deutschlandfunk Nova
Ein Rotkehlchen sitzt auf einem Zweig
Ein Rotkehlchen sitzt auf einem Zweig

Social Bonding Theory - Musik verbindet

Menschen fühlen sich einander zugehöriger, wenn sie zusammen musizieren, argumentieren die Studienautoren. Hier spricht man von "Social Bonding" durch Musik.

Aber auch das sei sicherlich nur eine Teilantwort auf die Frage, warum Menschen musizieren, stellt die Studie fest. Zum einen gebe es Aktivitäten, die wesentlich weniger Zeit in Anspruch nehmen und Gruppen genauso zusammenschweißen, führen die Studienautoren an. Ein gemeinsames Essen oder eine Unterhaltung zum Beispiel.

Musik verdeutlicht politische Allianzen

Das Social Bonding erkläre auch nicht, weshalb es Musikvorstellungen wie beispielsweise Musikparaden gebe. Um das zu erforschen, haben sich Forschenden auch das Verhalten von Naturvölkern angesehen. Dabei haben sie festgestellt, dass diese Menschen oftmals Musik nutzen, um politische Allianzen zu zeigen.

Synchrones Spiel als Zeichen für die Stabilität der Allianz

In vielen Ländern spielt bei Staatsbesuchen eine Kapelle oder eine Militärparade wird gezeigt. Die Studienautoren sagen, dass Zuschauende in der Lage sind, wahrzunehmen, wie synchron Musiker in ihren Bewegungen sind. Ein synchrones Spiel sei für das Publikum ein Zeichen für eine stabile Allianz, stellt die Studie fest.

Zapfenstreich für Ursula von der Leyen
© imago images | Emmanuele Contini
Bundeswehrkapelle auf dem Zapfenstreich für Ursula von der Leyen
Shownotes
Die Evolution der Musik
Feinde beeindrucken, Babys beruhigen
vom 27. Oktober 2020
Moderatorin: 
Tina Howard
Gesprächspartnerin: 
Nele Rößler, Deutschlandfunk Nova