Wer auch zu den Menschen gehört, für die das öffentliche Reden an der Uni, im Meeting oder bei der Hochzeit des besten Kumpels ein absoluter Alptraum ist, den interessiert bestimmt diese Story: Ein amerikanisches Start-up namens Kick ist angetreten, die Menschheit vom Lampenfieber zu befreien, und zwar mithilfe des Betablockers Propranolol. Kick will das Medikament übers Internet auf dem Massenmarkt vertreiben.

Geht es nach der Vorstellung von Justin Ip, dem Gründer von Kick, dann soll jeder, der Angst vor öffentlichen Auftritten hat, Pillen schlucken. Wer vor dem ersten Date oder der Präsentation vor Kollegen an Lampenfieber leidet, soll einfach die Kick-App runterladen. Dazu füllt sie oder er einen Fragebogen aus und hat einen kurzen Videochat mit einem Arzt, der ihr oder ihm dann den Betablocker Propranolol verschreibt. 

Anschließend kommt dann die magische Pille, die alle Ängste vertreibt, nach Hause. Und schon steht der ewigen Liebe oder dem Karriere-Boost nichts mehr im Weg - weil Propranolol jede oder jeden in einen selbstbewussten Menschen ohne Herzrasen und zitternde Hände verwandelt.

Propranolol senkt Blutdruck

Soweit die Theorie. Jetzt zu den Fakten: Propranolol ist ein Betablocker und wird normalerweise zur Behandlung von hohem Blutdruck eingesetzt oder bei bestimmten Herzerkrankungen. Das Mittel senkt die Herzfrequenz und beruhigt zitternde Hände. Deswegen wird Propranolol auch als verbotenes Dopingmittel im Schießsport eingesetzt. Der Business Insider schreibt, Ärzte würden das Mittel seit Jahrzehnten auch an Musiker mit Bühnenangst, Pokerspieler und Tech-Manager verschreiben, die vor einem großen Auftritt ihre klopfenden Herzen beruhigen wollen. 

Um Propranolol massentauglich zu machen, hat das Start-up sein Produkt optisch noch etwas aufgehübscht. Statt einer gewöhnlichen Pille werfen Kunden eine mintfarbene Lutschtablette ein, die sich im Mund auflöst und dabei zehn Milligramm des Medikaments an den Organismus abgibt. Kick will diese Lutschtablette in verschiedenen Farben und Geschmacksrichtungen, wie zum Beispiel Wassermelone, auf den Markt bringen. Das berichtet das medizinische Online Portal Statnews.

"Es ist nicht ohne Grund so, dass Propranolol von Psychiatern seit den Siebzigern eher nicht mehr verschrieben wird."
Martina Schulte, Netzautorin

Natürlich stößt dieses Geschäftsidee auch auf Kritik. Der Psychologe Stephen Hoffmann sagt bei statnews, es sei eine schreckliche Idee, solche Medikamente übers Netz zu vertreiben. Und auch Franklin Schneier, ein Psychiater und Facharzt an der Columbia Klinik für Angststörungen, befürchtet, dass nicht nur Angststörungen, sondern auch das Medikament Propranolol trivialisiert werden könnten.

Propranolol könne nämlich auch Nebenwirkungen haben, im schlimmsten Fall sogar Herzaussetzer oder allergischen Reaktionen. In den Siebzigern wurde Propranolol von Psychiatern noch häufig verschrieben, aber es ist mittlerweile völlig aus der Mode gekommen. Kick-CEO Justin Ip ist dennoch zuversichtlich, dass er mit seinem Start-up vielen ängstlichen Menschen helfen und dabei viel Geld verdienen kann.

Start in Kalifornien

In Deutschland ist kaum denkbar, dass Kick eine Zulassung erhält. In den USA und vielen anderen Ländern wird das sicher einfacher sein. Propranolol ist zwar von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA nicht zugelassen, um soziale Ängste oder Lampenfieber zu behandeln. Aber da Kick das Medikament nicht selber herstellt, fällt Kick nicht unter die Regelungen der FDA, die es verbieten würde, Propranolol als Mittel gegen Herzrasen und zittrige Knie zu vermarkten. 

Unsere Autorin Martina Schulte räumt Kick durchaus Chancen mit ihrer Geschäftsidee ein. Kick soll in den nächsten Monaten in Kalifornien starten. Keine schlechte Wahl, denn im Silicon Valley gibt eine weitverbreitete Kultur von Selbstexperimenten mit Medikamenten und Drogen. Eine Verschreibung soll 50 Dollar kosten. Wenn Kick damit durchkommt, ist das sicher ein lukratives Geschäft.