Big-Tech-Bosse vertreten verstärkt rechte Ideen und nehmen vermehrt politischen Einfluss. In ihren ideologischen Konzepten und in der aktuellen US-Politik macht der Politikwissenschaftler Christopher Coenen faschistische Tendenzen aus.
KI, Robotik, Biotechnik, Raumfahrt: Wenige Player mit viel Macht sind die treibenden Kräfte hinter den großen technologischen Innovationen unserer Zeit. Nicht nur der wirtschaftliche Einfluss dieser Tech-Chefs wird immer größer, auch ihr gesellschaftlicher und politischer.
Gleichzeitig erstarkt in den USA und in Europa rechtes Gedankengut, während die Demokratie zu erodieren scheint. Beobachtende stellen zwischen diesen Entwicklungen Zusammenhänge her. Auch Christopher Coenen vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beobachtet Big Tech und den politischen Wandel mit Sorge.
"Diese IT-Oligarchen entwickeln große ideologische Konzepte. Und dabei bedienen sie sich reichlich im Giftschwank der europäischen Geistesgeschichte."
Christopher Coenen befasst sich schon seit Jahrzehnten mit dem Transhumanismus, einer philosophisch-technologische Bewegung des 20. und 21. Jahrhunderts, die – stark verkürzt gesagt – für eine grundlegende Transformation des Menschen mithilfe neuer Technologien wirbt.
Digitalkapitalistischer Rechtsruck
Transhumanismus kommt eigentlich aus einer eher progressiven Tradition, erklärt der Politikwissenschaftler in seinem Vortrag. Nun, so beobachtet er, bedienen sich die führenden Figuren des Big Tech wie Elon Musk oder Peter Thiel an transhumanistischen Ideen und stricken daraus beunruhigende Technikvisionen, um nicht zu sagen Technikideologien, die sie, so Christopher Coenen, mit ihrer gewaltigen Medienmacht direkt vertreten.
"Einige der Grundideen des Transhumanismus sind durchaus problematisch, aber sie sind nicht im Kern faschistisch, bösartig. Während Thiel und diese Leute sich auf äußerst finstere, rassistische Vorbilder beziehen."
Die Tech-Oligarchen greifen seines Erachtens in einer offenen Verschwörung nach globaler Macht und sie bedienen sich dabei zunehmend des gewaltigen Kontroll- und Destruktionsapparats des mächtigsten Staates der Geschichte, der Vereinigten Staaten von Amerika.
"Das Trump-Regime ist ein Regime der Lüge, das die Wahrheit in einer höhnischen Weise zu zerstören versucht."
Die USA sieht er in keinem guten Zustand. Sowohl in den neuen Ideologien der Big-Tech-Elite, die stark dazu beigetragen hat, dass Donald Trump ein zweites Mal Präsident geworden ist, als auch in der Trump-Regierung macht er faschistische Tendenzen aus. Und in europäischen Ländern sieht er verwandte Entwicklungen.
In seinem Vortrag erläutert Christopher Coenen die transhumanistisch inspirierten Ideen der Big-Tech-Elite, zeichnet die Entwicklung der Weltanschauungen von Schlüsselfiguren wie Peter Thiel, Elon Musk und Alex Karp nach, befasst sich mit den Angriffen auf die Wissenschaft und die Rolle von Geschichte − unter anderem.
Seine Analyse ist eine scharfe Kritik an den Big-Tech-Ideologien und der aktuellen US-Politik. Er plädiert dafür, ins Handeln zu kommen, anstatt sich von apokalyptischen Deutungen treiben zu lassen, und dafür, die aktuellen Entwicklungen intellektuell zu dekonstruieren und auch satirisch zu entlarven, anstatt in Angst zu verharren. Zentral dabei sei unter anderem eine Rückkehr zu ethischer Reflexion, Ideengeschichte, kritischer Theorie und auch marxistischer Analyse.
Christopher Coenen ist Politikwissenschaftler und arbeitet seit 2003 als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), das zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gehört. Dort leitet er auch die Forschungsgruppe "Gesundheit und Technisierung des Lebens".
Seinen Vortrag "Zur neueren Ideologieproduktion transhumanistisch gesinnter Oligarchen" hat er am 26. November 2025 im Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Schöne neue Welt? Welche Zukunft sieht die Digital-Oligarchie für uns vor?" gehalten. Sie wurde die vom Zentrum für ethische Fragen im 21. Jahrhundert (ZEF21) und dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) gemeinsam organisiert.
Aus der gleichen Reihe stammt auch die letzte Hörsaalfolge, in der die Technikethikerin Anna Puzio noch näher auf den Transhumanisus eingeht.
Hörsaal Live! Ihr wollt den Hörsaal mal live erleben? Die nächste Möglichkeit habt ihr am 14.03.2026 in Köln. Der Bildungsforscher und Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht dann über die Rolle von Misstrauen und Vertrauen für unsere Demokratie und unsere Gesellschaft. Hier gibt’s mehr Infos.
Und hier noch ein Hörtipp: Die Lieblingsschülerin
- Vortragsbeginn
- Die Rolle von Big Tech und die Schlüsselfigur Peter Thiel
- Die Sprachrohre der neuen Tech-Ideologien - Curtis Yarvin, Nick Land, Aley Karp und Co.
- Die Rolle des Westens und der Wissenschaft
- Wie reagieren? Intellektuelle Dekonstruktion, satirische Entlarvung und Geschichtswissen
- Schlussworte
- Infos zum Vortrag und den Veranstalter*innen
- Infos zum Hörsaal live mit Aladin El-Mafaalani
- Hörtipp: Die Lieblingsschülerin
