In den USA beliefert Google Schulen mit kostenloser Software und günstigen Laptops. Auch in Deutschland drängt Google mit virtueller Realität ins Klassenzimmer - eine zweifelhafte Bildungsoffensive.

Aus dem Klassenzimmer heraus den Mount-Everest über 360-Grad-Bilder erkunden – oder Gladiatoren beim Kampf in einem Kolosseum zuschauen. Für die Schüler der fünften Klasse des jüdischen Albert-Einstein-Gymnasiums in Düsseldorf ist das Realität. Obwohl: eher virtuelle Realität. Der stellvertretende Schulleiter und Lehrer Pavle Madzirov hat sich auf der Bildungsmesse didacta anfixen lassen. Von dem Projekt Virtuelle Klassenreisen mit "Google Expeditions".

Das ist ein Pilotprojekt von Google und der Stiftung Lesen, mit dem Schüler Ausflüge in virtuelle Welten machen können. Die Stiftung Lesen bezuschusst die VR-Brillen und bietet Lernmaterialien an. Von Google kommt die App "Google Expeditions", die man mit der VR-Brille nutzen kann. Das Albert-Einstein-Gymnasium wird, wie alle Privatschulen in Nordrhein-Westfalen, hauptsächlich aus Steuern finanziert. Lehrer Madzirov hat die VR-Brillen trotzdem selbst gekauft – ohne die Förderung der Stiftung Lesen. Für die Pilotphase konnten sich rund 100 Klassen bewerben, nach den Sommerferien will Google das Projekt ausweiten. Das Albert-Einstein-Gymnasium ist schon jetzt mit dabei.

"Die Eindrücke in der 3D-Lernwelt sind umfassend. Die hören, die sehen, die bewegen sich, die Perspektive ändert sich. Und das ist etwas, was ich ungemein schätze an dem System."
Pavle Madzirov, Lehrer und stellvertretender Schulleiter Albert-Einstein-Gymnasium

Die zehn- bis elfjährigen Schüler sind in Pärchen eingeteilt und jeweils einer trägt eine Virtual-Reality-Brille. Da steckt ein Smartphone vorne drin, auf dem über die App "Google Expeditions" Zwei-Minuten-Filme gestreamt werden. Der Schüler aus der virtuellen erzählt dann seinem Partner aus der realen Welt, was er so sieht. Der überträgt das dann an die Tafel. Die Schüler sind begeistert von der virtuellen Realität. Einer sagt, dass er viel schneller lerne als mit einem klassischen Schulbuch. Eine Klassenkameradin findet es cool, dass ihre Schule so modern ist.

Was die Schüler allerdings nicht wissen: Hinter Googles vermeintlicher Bildungsinitiative steckt Kalkül. In den USA kommen schon über 30 Millionen Schüler mit einem Programm aus dem Google-Bildungspaket in Berührung - mehr als jeder zweite Schüler zwischen fünf und 18 Jahren. Google denkt sich wohl: Es gibt tausend Dinge zu tun in so einer Schulklasse - und mit uns eine Firma, die alles regelt und theoretisch alles mitlesen könnte. Fabian Kaske von Lobby-Control will verhindern, dass Privat-Unternehmen so viel Einfluss auf den Unterricht nehmen wie in den USA.

"Es geht Google eher darum Kontakte zur Lehrerschaft aufzubauen, als Bildungsakteur in Erscheinung zu treten, das Image zu verbessern und bei Schülern als interessantes Unternehmen zu erscheinen."
Fabian Kaske, Lobby-Control

In den USA versucht Google schon lange, auch Lehrer für sich zu gewinnen. Die werden gezielt eingeladen, und können sich dann in Google-Education Groups untereinander und mit dem Konzern über Lernprogramme austauschen. Mehr als 60 Gruppen gibt's schon, in Deutschland entsteht gerade auch die erste. Warum diese Bildungsoffensive? Darauf hat die Google-Pressestelle geantwortet: Google möchte dazu beitragen, den Wunsch der Menschen nach digitalen Bildungsinhalten und digitaler Kompetenz zu erfüllen. Wie nachgiebig sie diesem Wunsch versuchen nachzukommen, das wird sich noch zeigen.