Laurel Hubbard ist eine erfolgreiche Gewichtheberin aus Neuseeland - und bald die erste trans Frau, die an den Olympischen Spielen teilnimmt. Die Athletin hat die ersten 35 Jahre ihres Lebens als biologischer Mann verbracht. Trotz großen Jubels über ihre Teilnahme gibt es auch kritische Stimmen - vor allem von ihren Konkurrentinnen.

Es wird eine Premiere für die Olympischen Spiele: Das Nationale Komitee Neuseeland hat die Gewichtheberin Laurel Hubbard für Olympia in Tokio nominiert und schickt so erstmals eine offen lebende trans Frau ins Rennen um die Goldmedaille.

Regularien für die Teilnahme von trans Personen seit 2015

Für die Teilnahme von trans Personen hat das Internationale Olympische Komitee erstmals 2015 Regularien festgelegt. Ob trans Frauen in der Frauenkategorie starten dürfen, hängt seitdem davon ab, wie hoch ihr Testosteronspiegel ist.

"Trans Frauen müssen über 12 Monate vor der Teilnahme einen Testosteronspiegel unter zehn nmol pro Liter Blut nachweisen. Zum Vergleich: Das Testosteronlevel bei cis Männern liegt zwischen 12 und 40 nmol/l."
Raphael Späth, DlF-Sportredaktion
Der durchschnittliche Testosteronwert von cis Frauen liegt zwischen 0,5 und zwei nmol/l - also immer noch deutlich geringer als die für trans Frauen erlaubten zehn nmol/l, erklärt Raphael Späth aus unserer Sportredaktion.

Allerdings ist fraglich, wie sinnvoll der Testosteronspiegel als Vergleichskomponente ist. Denn: Die Hormontherapie, die trans Frauen für ihre Transition durchmachen, führt zu einem sehr viel niedrigeren Testosteronwert, als ihn die meisten cis Frauen haben, sagt unser Sportredakteur.
"Übrigens: Bei trans Männern gibt es gar keine Beschränkungen. Sie dürfen von Anfang an in der Männerkategorie starten."
Raphael Späth, DlF-Sportredaktion

Für die Setzung dieser Regularien erntet das IOC viel Kritik. Vor allem viele Athletinnen sind nicht mit ihnen einverstanden. So etwa Tracey Lambrechs. Sie trat 2016 in Rio als Gewichtheberin an - in derselben Gewichtsklasse wie Laurel Hubbard und ebenfalls für Neuseeland.

Vorteile von trans Frauen ungeklärt

Lambrechs meint: Dadurch, dass Hubbard ihre Pubertät als biologischer Mann verbracht und bereits in ihren 20er Jahren bei Wettkämpfen im Gewichtheben teilgenommen hat, kämen ihr Vorteile gegenüber cis Frauen zugute, die durch eine Hormontherapie nicht ausgeglichen würden.

Tatsächlich aber gibt es kaum Studien darüber, wie groß der Vorteil von trans Frauen in Realität ist, sagt Raphael Späth.

"Eine der wenigen Studien ist von 2020 und belegt, dass trans Frauen etwa zwei Drittel ihres körperlichen Vorteils einbüßen. Allerdings wurde diese Studie nicht mit Leistungssportlerinnen durchgeführt."
Raphael Späth, DlF-Sportredaktion

Die wenigen Studien, die es gibt, belegen allerdings, dass es einen gewissen körperlichen Vorteil von trans Frauen gegenüber cis Frauen gibt. Allerdings wurden diese Studien nicht mit Leistungssportlerinnen durchgeführt.

Mentale Nachteile von trans Frauen

Eigentlich müsste jeder Fall einzeln untersucht werden, um festzustellen, ob die Athletinnen tatsächlich einen Vorteil haben, sagt unser Sportredakteur.

Joanna Harper ist einer der Sportwissenschaftlerinnen, die an den Regularien des IOC mitgearbeitet haben. Sie meint: In gewissen Kategorien haben trans Frauen auch nach ihrer Hormontherapie noch Vorteile. Allerdings wird wenig berücksichtigt, welch entscheidende mentale Nachteile trans Frauen gegenüber cis Frauen haben.

"Am Beispiel Laurel Hubbard lässt sich sehen, wie sehr sie bereits mit Diskriminierung zu kämpfen hat. Das wirkt sich auf die psychische Gesundheit aus."
Raphael Späth, DlF-Sportredaktion
Auch Laurel Hubbard wird bereits seit Bekanntgabe ihrer Teilnahme persönlich angegriffen und hat mit Diskriminierungen zu kämpfen. Vor allem im Leistungssport wirkt sich ein solcher Druck extrem auf die Leistung aus, meint Raphael Späth. Wie groß der Vorteil von trans Frauen dann noch ist, sei in hohem Maße fraglich.

Sportverbände tun sich mit Einteilung schwer

Für viele Sportverbände ist die Frage, welche Regularien für trans Personen gelten sollen, immer noch ungeklärt. Der Welt-Rugby-Verband hat hingegen festgelegt: Trans Frauen sollen kategorisch ausgeschlossen werden. Das sorgte für heftige Kritik. Unser Sportredakteur meint: Gerade aufseiten der Sportverbände mangelt es an einer Sensibilisierung in solchen Themen.