Für 40 Minuten Drehmaterial war ein russisches Filmteam zwölf Tage zu Gast auf der Internationalen Raumstation. Dagegen gibt es viel Kritik. Der Aufwand sei zu groß gewesen für eine Aktion, hinter der sich Werbung für die russische Raumfahrt versteckt.

Mystische Wälder oder Landschaften wie aus einer anderen Welt werden für Filme oft mithilfe eines Green- oder Bluescreens, Kulissen und anschließender Bildbearbeitung auf die Leinwand geholt.

Damit zum Beispiel Sandra Bullock und George Clooney im Film "Gravity" als Astronauten durch das Weltall schweben konnten, hat Regisseur Alfonso Cuarón über viereinhalb Jahre an der richtigen Technik gefeilt.

Statt im echten Weltall hingen die Schauspielenden an Seilen in einer etwa neun Quadratmeter großen Box, die über 4000 LED-Birnen ausgeleuchtet haben. Durch die digitalen Effekte wirkt es tatsächlich so, als ob Sandra Bullock und George Clooney im All unterwegs sind.

Statt Greenscreen: Direkt auf der ISS filmen

Um das All geht es auch im russischen Spielfilm "Herausforderung". Der Film erzählt von einer Ärztin, die zur Internationalen Raumstation (ISS) fliegt und dort einem Kosmonauten mit einer Operation am Herzen das Leben rettet.

Für ihren Film setzt die russische Crew aber nicht auf Kulissen und digitale Effekte – sondern auf die echte ISS. Dafür sind Schauspielerin Julia Peressild und Regisseur Klim Tschipenko Anfang Oktober für zwölf Tage zur Raumstation geflogen. Mit 40 Minuten Drehmaterial wollten sie von der ISS zurückkommen.

Der russische Astronaut Anton Schkaplerow, Schauspielerin Julia Peressild und Regisseur Klim Schipenko auf der ISS.
© IMAGO / SNA
Der russische Astronaut Anton Schkaplerow, Schauspielerin Julia Peressild und Regisseur Klim Schipenko auf der ISS.

4 Monate Training für 40 Minuten Drehmaterial

Vor ihrem Besuch hat die russische Filmcrew bei der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos vier Monate für ihren Aufenthalt im All trainiert. So sollten sie im Schnelldurchlauf lernen, wie sie sich auf der ISS verhalten und worauf sie achten müssen. Das Training war daher eher ein Crashkurs - damit sie nicht versehentlich einen falschen Knopf drücken - als eine ernst zu nehmende Ausbildung zur Astronautin oder zum Astronauten, sagt Astrophysiker Michael Büker.

"Die Internationale Raumstation ist kein Hotelzimmer, wo man reinkommt und alles ist darauf eingestellt, dass sich Menschen dort wohlfühlen und frei bewegen können."
Michael Büker, Astrophysiker

Gäste auf ISS: Viel Arbeit für das Astronauten-Team

Damit die Filmcrew keinen Schaden anrichtet, wurden sie über die gesamte Dauer ihrer Dreharbeiten von der ausgebildeten Besatzung aus der ISS betreut. Für jedes Mitglied der Filmcrew war ein Astronaut zuständig. Denn die International Raumstation ist mit lebenswichtigen Systemen ausgestattet, erklärt Michael Büker.

"Es hängen Luftschläuche durch die Luken, die dafür wichtig sind, die Luft auszutauschen. Überall sind Kabel und Anschlüsse. Es ist eine ganz schöne Aufgabe für die Kosmonauten, dass sich die Gäste auf der Internationalen Raumstation entsprechend verhalten und bewegen können, ohne Probleme auszulösen."

Filmdreh oder PR-Aktion?

Es gibt daher Kritik gegen die Dreharbeiten: Eine Filmcrew auf der ISS zu haben, beanspruche unnötig Platz und sei ein zusätzlicher 24-Stunden-Job für die Besatzung, so heißt es. Der Aufwand sei für 40 Minuten Drehmaterial zu groß.

Auch der Astrophysiker sieht die Dreharbeiten vielmehr als eine PR-Aktion für die russische Raumfahrt an als eine Notwendigkeit. Es war eine Prestige-Aktion im Wettrennen mit den USA – mal wieder.