Für die meisten von uns wird es dieses Jahr keine Reise außerhalb von Europa geben. Lydia Herms stellt drei Bücher vor, die uns trotzdem ganz weit weg reisen lassen: nach Afrika, Japan und Australien.

Ein historischer Roman, der uns über 1500 Meilen zu Fuß eine Schiffscrew durch Afrika begleiten lässt, ein Roman, die einen japanischen Garten um uns herum wuchern lässt und eine Graphic Novel, die die karge Wüste Australiens erlebbar macht. Das sind die drei Buchtipps für den Sommer von Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Lydia Herms.

Eine Schiffcrew ohne Schiff

Der Abenteuer-Roman "Aus der Dunkelheit strahlendes Licht" beruht auf einer wahren Geschichte, die die in Sambia geborene und in Simbabwe aufgewachsene Schriftstellerin Petina Gappah über Jahre hinweg recherchiert hat. Sie spielt im Jahr 1873 als der schottische Arzt und Forschungsreisende David Livingstone auf der Suche nach Nilquellen in Zentralafrika plötzlich an einem Herzversagen stirbt.

Er hinterlässt allerdings eine Crew von 69 von ihm freigekauften Sklavinnen und Sklaven, darunter auch Kinder. Die resolute Köchin Halima ergreift kurzerhand die Führung der Crew und überredet sie dazu, den Leichnam des von ihnen genannten "Bwanda Daudis" bis zum offenen Meer im Osten Afrikas zu tragen, damit er nach Großbritannien überführt werden kann.

"Petina Gappah schickt in ihrem Roman 'Aus der Dunkelheit strahlendes Licht' eine schwarze Schiffs-Crew auf die Reise – ohne das Schiff allerdings."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Der Fußmarsch führt durch den tiefsten Dschungel, durch bewohnte und verlassende Dörfer, vorbei an wilden Tieren und gefährlichen Flussläufen.

"Eindrucksvoll und humorvoll"

Besonders eindrucksvoll erscheint die Geschichte, da sie aus zwei Perspektiven erzählt wird, sagt Lydia Herms. Eine Perspektive ist die der Köchin Halima, die genau weiß, was Sache ist und sich gut auskennt, welche Personen miteinander in der Crew etwas zu tun haben. Eine andere Einsicht gibt der fromme Jacob, ein Afrikaner, der von Jesuiten bekehrt wurde und unterwegs Tagebuch führt. Jacob schwankt auf der Reise immer wieder zwischen Überheblichkeit und Hingabe, denn er verliebt sich unterwegs.

"Diese Reise wird in dem Roman eindrucksvoll und sehr humorvoll beschrieben, vor allem deswegen, weil sie aus zwei Perspektiven erzählt wird."
Lydia Herma über den Roman "Aus der Dunkelheit strahlendes Licht"

Interessant ist auch der Charakter des Professors Livingstone, der zwar auf der einen Seite den Sklavenhandel missbilligt, auf der anderen Seite durch seine Entdeckungsreisen den Kolonialismus fördert.

Ein geheimnisvoller Garten

Im Roman "Frühlingsgarten" von der japanischen Schriftstellerin Shibasaki Tomoka geht es um die Personen Taro und Nishi, die beide auf unterschiedliche Weise einsam sind. Taro genießt die Leere in seinem Leben und meidet Menschen, um nicht von ihnen enttäuscht zu werden. Nishi dagegen versucht die Leere immer aktiv zu füllen.

Obwohl die beiden nebeneinander wohnen, wissen sie nichts übereinander. Eines Tages fällt Taro jedoch auf, dass Nishi immer wieder auf ein leer stehendes, hellblaues Haus von gegenüber starrt. Sie zeichnet es sogar oder schleicht darum herum.

Als die beiden zufällig ins Gespräch kommen, erzählt Nishi, dass sie von dem Haus und dem verwachsenen Garten dahinter besessen ist. Immer wieder begehe sie den Ort in ihrer Fantasie und wisse genau, wie es im Inneren aussehe. Bald wird das geheimnisvolle Haus und der Garten auch für Taro zum Objekt seiner Träume.

Selbstfindungstrip in Australien

"Der salzige Fluss" ist eine autobiografische Geschichte in Form einer Graphic Novel von Jan Bauer, der erzählt, wie er sich – mit Trennungsschmerz und der Trauer um seine verstorbene Mutter im Gepäck – seinen Rucksack schnappt und nach Australien fliegt. Dort wandert er viel – 450 Kilometer entlang des Larapinta-Trails –, schweigt viel, denkt viel nach und beobachtet die besondere Natur, bis eine französische Wanderin seinen Weg kreuzt und für ein paar Meilen sein Herz aufmischt.

Warme Zeichnungen in schwarz-weiß

Obwohl sich Jan Bauer für schwarz-weiße Zeichnungen entschieden hat, wirken sie warm und voller Detailreichtum, sagt Lydia Herms. Beim Durchblättern bekommt man ein Gefühl für diese besondere Natur mit ihrem kargen Bewuchs und den eingetrockneten Böden.

"Obwohl nur in schwarz-weiß gehalten, sind Bauers Zeichnungen warm und detailreich und tiefgründig. Sie zeigen aufgerissene Erde, trockene Böden mit kargem Bewuchs, die untergehende Sonne, die krassen Wechsel zwischen Licht und Schatten."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Der Graphic Novel von 2014 ist das viel gelobte Debüt von Jan Bauer, der als nicht nur als Autor und Illustrator, sondern auch als Designer und Regisseur in Hamburg tätig ist.

Mehr Büchertipps von Lydia Herms findet ihr in unserem Podcast Das Perfekte Buch.