Carmen lebt mit dieser Angst, seit sie sich erinnern kann - einer krankhaften Angst, sich zu erbrechen oder anderen dabei zuzusehen. Doch erst seit einem Jahr weiß sie, dass es einen Namen dafür gibt: Emetophobie.

"Menschen mit Emetophobie haben Angst davor, zu erbrechen, oder auch andere Leute oder Tiere erbrechen zu sehen", sagt Carmen. Alles, was mit Erbrochenem zu tun hat, macht ihr Angst.

Vor ungefähr einem Jahr hat sie erfahren, dass sie unter einer Angststörung leidet. Sie war da mit ihrem Freund in einem Restaurant und erzählte ihm von ihrer Furcht. Er hat das dann für sie gegoogelt: "Ich wusste es einfach vorher nicht."

"Ich denke über viele Situationen mehr nach als andere Menschen, würde ich sagen, zum Beispiel übers Bahn fahren, im Restaurant essen und so weiter."
Carmen Reingen, leidet an Emetophobie

Wenn Carmen Bahn fährt, setzt sie sich lieber dort hin, wo weniger Menschen sind. Kinder versucht sie zu meiden - denn die könnten sich noch nicht so gut unter Kontrolle haben, fürchtet sie. Wenn sie reist, hat sie immer Medikamente gegen Übelkeit dabei. Schon das hilft ihr. "Es gibt Sicherheit", sagt sie.

Ihre älteste Erinnerung zu ihrer Angst hat Carmen aus der Kindergartenzeit: Einem Kind war schlecht, es hatte einen Eimer und legte sich auf eine Matratze, erzählt sie. "Ich weiß, dass ich später nie wieder da hin gegangen bin, weil ich Angst hatte, dass die Bakterien da noch sind, und ich mich anstecke."

Frau in einem Restaurant.
© Carmen Reingen
Carmen im Restaurant: Sie trinkt Alkohol, aber immer nur in Maßen.

Einen Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff kann sich Carmen nicht vorstellen. "Ich mag überhaupt keine Boote", sagt sie. Sie malt sich beispielsweise aus, was wäre, wenn sich etwa das Noro-Virus auf dem Schiff ausbreiten würde und sie nicht mehr an Land dürfte. Boote und Carmen - das geht nicht gut zusammen.

Hauptsächlich Frauen betroffen

Yvonne Höller kennt das Phänomen. Die Psychologin hat ein Buch über die Angststörung geschrieben. Nach einer neuen Studie sollen etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung an einer Emetophobie mit klinischem Ausmaß leiden - diese Menschen sind auf die Hilfe von anderen angewiesen. Hauptsächlich betroffen seien Frauen, sagt die Expertin - so wie bei allen Angsstörungen.

"Die können zum Beispiel ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, die können das Haus nicht mehr verlassen."
Psychologin Yvonne Höller über Emetophobiker

Bei der Emetophobie ist das Problem: Die Betroffenen werden häufiger mit ihrer Angst konfrontiert als beispielsweise Spinnen-Phobiker. Denn das Thema betrifft einfach stärker unseren Alltag. Überall könnte man jemanden treffen, dem übel ist. Auf jeder Straße könnte man zufällig Erbrochenes sehen. 

Fehldiagnose "Reizdarm"

Auch wenn die Krankheit in den letzten Jahren deutlich bekannter geworden ist, bleibt die Diagnose schwierig, sagt Yvonne Höller. Betroffene spüren oft eine gewisse Übelkeit - auch verstärkt durch ihre gesteigerte Aufmerksamkeit. Oft käme es zur Fehldiagnose "Reizdarm". 

Wenn die Diagnose aber treffend gestellt wird, seien die Therapiemöglichkeiten gut, so die Psychologin. Zum einen könne man mit einer Expositionstherapie die Betroffenen etwa über Videos mit ihrer Angst konfrontieren. Problematisch sei das jedoch bei starker Übelkeit. Da seien auch Ansätze mit Hypnose erfolgversprechend. Zusätzlich könne eine Kognitive Therapie Fehlannahmen ausräumen oder eine Gesprächstherapie die Persönlichkeit stärken.

Herausforderung Schwangerschaft

Carmen jedenfalls sagt, dass sie momentan mit ihrer Angst gut zurecht komme. An eine Therapie denkt sie derzeit nicht. Doch sollte sie mal irgendwann ein Kind bekommen wollen, schließt sie therapeutische Hilfe nicht aus. Denn dann müsste sie vielleicht mit ihrer eigenen Übelkeit in der Schwangerschaft klar kommen. Und sie fragt sich auch, ob sie ihr eigenes Kind gut versorgen könnte, wenn es sich einmal erbricht.