In Frankreich ist die Sache klar: Wer es schafft, einen Studienplatz in der Kaderschmiede ENA zu ergattern, hat es geschafft. Jetzt hat ein prominenter Absolvent, Präsident Emmanuel Macron, damit gedroht, mit der Zwei-Klassen-Ausbildung in Frankreich Schluss zu machen. Was aus den Plänen wird, muss sich zeigen. Wir haben uns in der Eliteschmiede umgesehen.

Emmanuel Macron hat sich festgelegt: Er will den öffentlichen Dienst umkrempeln. Und da ist ihm natürlich als erstes die École Nationale d’Administration (ENA) in den Sinn gekommen, die als Kaderschmiede für hohe Beamte gilt. Der französische Präsident weiß das ganz genau, schließlich war er auch da. Die Idee dahinter: Wichtige Posten in Politik und Verwaltung sollen nicht mehr einer kleinen Elite vorbehalten sein.

"Für die Gelbwesten ist die ENA das Symbol der politischen Klasse, die keine Berührungspunkte mehr mit der Lebenswirklichkeit vieler Franzosen hat."
Sabine Wachs, ARD-Korrespondentin in Frankreich

Auch vielen Französinnen und Franzosen, die zurzeit als Gelbwesten auf die Straße gehen, ist die ENA ein Dorn im Auge. Sie sehen die Hochschule als einen Ort, an dem die Elite des Landes unter sich bleibt, Beziehungen knüpft und an dem heftig geklüngelt wird, erklärt ARD-Korrespondentin Sabine Wachs.

"Es ist schon eine besondere Schule, aber man sieht es ihr nicht an und man sieht es den Studierenden, zumindest denen, die ich getroffen habe, auch nicht an."
Sabine Wachs, ARD-Korrespondentin in Frankreich

70 Prozent der Studierenden kommen aus privilegierten Elternhäusern

Wer die ENA betritt, könnte zunächst enttäuscht sein: Sie erinnert von außen weder an Harvard noch an Yale. Niemand trägt Schuluniform, Schlips oder Kragen oder Kostümchen. Die ENA ist eine kleine Hochschule, nur etwa 300 Studieren lernen hier, immer in zwei Jahrgängen.

Was sich hinter den drei Buchstaben verbirgt, wird es in der Eingangshalle etwas aufschlussreicher: Hier hängen die Fotos der Abschlussjahrgänge und wer die genauer in Augenschein nimmt, entdeckt die jungen Jacques Chirac, François Hollande oder beim Abschlussjahrgang 2004 auch den amtieren Präsidenten Emmanuel Macron – damals noch mit etwas dichterem blonden Lockenschopf. Kurz: Es ist eine besondere Schule, auch wenn man es ihr nicht ansieht, sagt Sabine Wachs.

"Viele Franzosen schließen den Gang an die ENA von vornherein für sich aus, weil sie sagen: Da komme ich niemals hin, das ist nichts für mich. Ich komme nicht aus dieser Oberklasse."
Sabine Wachs, ARD-Korrespondentin in Frankreich

Im Prinzip kann sich jede und jeder an der ENA bewerben. Allerdings sind die Aufnahmeprüfungen ziemlich heftig, sagt Sabine Wachs. Und so ist klar: Wer einmal hier studieren will, die oder der muss alles ganz genau planen – ein renommiertes Gymnasium ist Pflicht, dann eine renommierte Uni und erst dann wird sich an der Aufnahmeprüfung für die ENA versucht.

Die Zahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache: 70 Prozent der Studierenden kommen aus sehr privilegierten Elternhäusern, sagt Sabine Wachs, sehr wenige dagegen aus einkommensschwachen Verhältnissen. Auch deshalb schließen viele Französinnen und Franzosen für sich aus, jemals an der Eliteuni zu studieren.

Alix hat es an die ENA geschafft

So war das auch bei Alix, die aus einer Arbeiterfamilie aus Nantes stammt und damit an der ENA eine Ausnahmeerscheinung ist. Ihr erstes Studium finanzierte sie mit Bafög, dann arbeitete sie acht Jahre lang bei der französischen Bahn, bevor sie sich überwand, die Aufnahmeprüfung an der ENA zu wagen. Damit gehört sie zu den jährlich acht Studierenden, die aus der Privatwirtschaft stammen – also schon gearbeitet haben. Ein Schritt, mit dem die ENA für mehr soziale Vielfalt an der Uni sorgen will.

"Als ich jünger war, war die ENA für mich unerreichbar. Ich gehörte nicht hierher. Wo ich herkomme, geht man nicht an die ENA. Dass ich die Aufnahmeprüfung schaffen könnte, war für mich vollkommen absurd."
Alix, eine der wenigen Studentinnen an ENA, die aus einer Arbeiterfamilie stammt

Die ENA ist eine Art Mythos in Frankreich: eine Institution und eine der Grundfesten der Republik. Und selbst wenn die Hochschule als elitär gilt, ist es für viele Französinnen und Franzosen ein Traum, dort aufgenommen zu werden. Und wer das geschafft hat, ist stolz, sagt Sabine Wachs. Auch weil die ENA für Qualität und eine sehr gute Ausbildung steht.

Deshalb sind viele Französinnen und Franzosen überzeugt: Die ENA muss bestehen bleiben, weil die Republik diese Exzellenz braucht. Auf der anderen Seite sind Stimmen zu hören, die sagen: Wir müssen die ENA abschaffen, weil wir mehr Demokratie im Verwaltungsapparat brauchen.

Es bleibt allerdings abzuwarten, ob Präsident Macron die ENA wirklich abschafft. Auch unsere Korrespondentin bezeichnet seine Pläne als heikel. Schon viele Vorgänger hätten versucht, die Schule zu reformieren. Immer wieder gab es Pläne, sie komplett abzuschaffen. Bis jetzt ist das immer gescheitert.

"Die Frage ist: Wollen die radikalen Gelbwesten überhaupt besänftigt werden? Vielen in Frankreich haben den Eindruck: Macron könnte ihnen goldene Berge versprechen – und es würde nichts passieren."
Sabine Wachs, ARD-Korrespondentin in Frankreich

Dass Emmanuel Macron mit diesen Plänen die radikalen Gelbwesten besänftigen kann, ist allerdings unwahrscheinlich. In jedem Fall seien sie ein Zugeständnis an alle, die soziale Ungleichheit in Frankreich anprangern und beklagen: Das Elitensystem in Frankreich sorgt dafür, dass immer nur die Gleichen in hohe Positionen kommen und andere kaum Aufstiegschancen haben, sagt Sabine Wachs.