Was wäre, wenn es keine Museen mehr gäbe? In der Ukraine ist die Frage nicht theoretisch, sondern konkret. Dort sind viele Museen unter Beschuss geraten. Wie sind in Deutschland Museen auf Ernstfälle vorbereitet?

Der Krieg in der Ukraine bringt auch die Kunstwerke in Gefahr, die dort ausgestellt sind. Am 10. Oktober 2022 sind zum Beispiel in Kiew mehrere russische Raketen eingeschlagen, eine davon auch in der Nähe des bedeutenden Chanenko-Museums der westlichen und orientalischen Kunst. Fenster und Glasdach des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert waren dabei zerstört worden, sagte Museumsdirektorin Yuliya Vaganova bei Deutschlandfunk Kultur.

Sie selbst und ihr Team blieben unverletzt. Die Ausstellungsstücke – Bilder von Rubens und Velázquez, Zeichnungen fernöstlicher Gottheiten und Skulpturen aus der Italienischen Renaissance – waren bereits vorher in Sicherheit gebracht worden.

Notfallpläne sind geheim

Kultur ist nicht nur eine Freizeiteinrichtung, sondern ein Basisbedürfnis, sagt Michael John. Er arbeitet für die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden und ist dort unter anderem für die Sicherheit unzähliger Gemälde, Statuen, Kupferstiche und ähnlicher Gegenstände verantwortlich.

Sollte es auch in Deutschland zu einer Notfallsituation kommen, sei man vorbereitet, sagt er. Allerdings kann er nicht im Detail über diese Planungen sprechen – weil sie nun mal geheim sind. Wenn jeder wüsste, wo im Ernstfall die Sixtinische Madonna versteckt wird, könnte man es ja auch bleiben lassen.

Fest steht: Sämtliche Ausstellungssäle würden im Fall eines drohenden Angriffs geräumt werden. Und es existieren bereits "Prioritätenlisten", welche Objekte bei Ausfall der Klimaanlage oder Heizung als Erstes gerettet werden sollen, damit sie nicht schimmeln. Auch, welche Stücke in den Keller kommen und welche so wertvoll sind, dass sie aus dem Museum ausgelagert werden, ist dort verzeichnet.

"Solche Prioritätenlisten gibt es tatsächlich. Das ist bitter! Ich hab auch jedes Kind lieb. Auf der anderen Seite, rein praktisch: Irgendwo muss man anfangen."
Michael John, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Das, was – nach heutigen Kriterien – besonders wertvoll erscheint, würde also evakuiert und in geheime Depots gebracht. Die Lagerräume müssen drei Kriterien erfüllen:

  1. Sicherheit: Schutz vor Raub, Plünderung und Vandalismus
  2. Klimastabilität: Es darf dort keine extrem hohe oder niedrige Luftfeuchtigkeit herrschen
  3. Logistik: Manche Exponate wie Skulpturen, Möbel oder Gemälde sind sehr sperrig und müssen durch entsprechend große Türen passen. Außerdem sollte es dort keine Stufen und genügend Regale geben.

Depots, die sogar bombensicher wären, gibt es aber weder in und um Dresden noch in der Nähe eines anderen Museums in Deutschland.

"Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Und eine gefühlte Sicherheit kann trügerisch sein. Deswegen gibt es nur eines tatsächlich: Man kann das immer weiter verbessern."
Michael John, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Bis die Kunstwerke sicher gelagert sind, müssen sie also vielleicht lange Wege zurücklegen – und sind dabei neuen Gefahren ausgesetzt. Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben, sagt Michael John.

Hinweis: Unser Bild oben zeigt die Folgen des eingangs beschriebenen Einschlags russischer Raketen im Zentrum Kiews am 10. Oktober 2022. Dabei wurde ein Kinderspielplatz zerstört und das Museum beschädigt.

  • Autor:  Martin Krinner, Deutschlandfunk-Nova-Reporter