Ein Atomkraftwerk geht vom Netz, bald folgen weitere. Ein Problem für Deutschlands Stromversorgung wird das wohl nicht sein. Das gibt es vielmehr woanders.

Ende des Jahres 2019 ist das Kernkraftwerk Philippsburg in Baden-Württemberg heruntergefahren worden. Bis 2022 werden die weiteren noch laufenden sechs Kernkraftwerke abgeschaltet werden.

Sieben Kraftwerke, die zu den großen Grundlastkraftwerken gehören mit einer Leistung von jeweils mehr als 1300 Megawatt, werden von Ende 2019 bis 2022 abgeschaltet. Werden wir deshalb bald zu wenig Strom in Deutschland haben?

Die Antwort darauf ist nicht einfach, weil sie von vielen Variablen abhängt.

Kraftwerke abzuschalten ist kein Problem

Generell ist die Stromsituation in Deutschland zurzeit ziemlich entspannt. In Deutschland wir mehr Strom produziert, als verbraucht wird. Die Überversorgung hat deutlich zugenommen, sagt der DLF-Umweltredakteur Georg Ehring. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ist in den vergangenen 25 Jahren der Stromüberschuss immer weiter angestiegen.

Ein einzelnes Kraftwerk abzuschalten – so wie jetzt das Kernkraftwerk Philippsburg – ist für die deutsche Stromversorgung also kein Problem, zumal das einzelne Kernkraftwerk lediglich für rund ein Prozent des kompletten Strombedarfs in Deutschland zuständig war.

"Der Überversorgungsgrad mit Strom in Deutschland ist deutlich gestiegen."
Georg Ehring, DLF-Umweltredakteur

Wird in Deutschland dagegen gar kein Strom mehr durch Kernkraft erzeugt, müssen rund zwölf Prozent ersetzt werden. Nun kommen die Variablen ins Spiel: Wenn in Deutschland keine weiteren erneuerbaren Energien ausgebaut werden, der Strombedarf weiter steigt (zum Beispiel durch Elektroautos und elektrische Heizungen) und nicht mehr Strom aus dem Ausland eingekauft werden soll als bisher, dann könnte der Strom in Deutschland tatsächlich knapp werden.

Strom aus dem Ausland häufig Ökostrom

Doch es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass dieses Negativ-Szenario genauso eintritt. Denn in Deutschland werden ja Solar- und Windkraftanlagen gebaut (letztere zurzeit sehr langsam), und dass Deutschland mal mehr, mal weniger Strom ins oder aus dem Ausland verkauft oder kauft, ist ebenfalls ein normaler Vorgang.

Die Stromnetze der Länder in Europa hängen zusammen, und je nachdem, wo gerade Mangel oder Überschuss herrscht, wird Strom von A nach B verkauft. Häufig ist der Strom, der aus dem Ausland nach Deutschland kommt, sogar sauberer als der deutsche Strom selbst, zum Beispiel aus Österreich, Norwegen und Dänemark.

Strommarkt in Europa verändert sich ständig

Am ehesten kann der Strommarkt in Europa als dynamisches, sich stets veränderndes System betrachtet werden, bei dem neue Anlagen dazu kommen und alte abgeschaltet werden. Selbst Frankreich, das neue Kernkraftwerke plant, verstärkt sein Engagement in erneuerbare Energien.

In einem Punkt übt Georg Ehring aber Kritik: Die Energiewende geht viel zu langsam. Denn wenn weitere Kern- und Kohlekraftwerke in Deutschland ersetzt werden sollen, brauchen wir weitere Solar- und Windkraftanlagen. Der Bedarf daran wächst weiter, wenn zusätzliche Stromverbraucher wie Elektroautos und elektrische Heizungen ans Netz gehen.

"Die Energiewende ist hinzukriegen. Man muss sie nur anpacken."
Georg Ehring, DLF-Umweltredakteur

"Da bräuchte man eine Strategie, diese Anlagen schnell zu bauen", sagt Georg Ehring. Nur: Windkraft wird an Land zurzeit fast überhaupt nicht mehr ausgebaut aufgrund Beschränkungen der Verwaltung und Protesten von Anwohnern. Der Ausbau von Solar wurde bis vor Kurzem durch die Politik gebremst.

Ein Stromnetz auf Basis erneuerbarer Energien braucht zudem darauf ausgelegte Stromleitungen und Stromspeicher. Auch diese Techniken sind entwickelt. Georg Ehring: "Hinzukriegen ist das, man muss es nur anpacken."