Ein globaler Inzidenzwert allein reicht den Amtsärztinnen und Amtsärzten in Berlin nicht. Sie wollen Abstufungen je nach Risiko. Der Epidemiologe Klaus Stöhr erklärt, warum er ihre Position nachvollziehen kann.

Berlins Amtsärztinnen und Amtsärzte fordern, Maßnahmen zum Infektionsschutz und entsprechende Lockerungen nicht mehr an generelle Inzidenzwerte zu knüpfen. Es sei nicht zielführend, Eindämmungsmaßnahmen an Inzidenzen von 20, 35 und 50 zu koppeln, heißt es in einer Stellungnahme aller zwölf Amtsmedizinerinnen und Amtsmediziner. Notwendig sei eine nach Altersgruppen ausgerichtete Inzidenzanalyse als Frühwarnsystem.

Sie schlagen intensive Maßnahmen der Infektionsprävention für Alte und Kranke und gleichzeitig eine Abmilderung der Maßnahmen für andere Gruppen wie beispielsweise Schulkinder vor.

Forderung nach Konzentration auf Risikoinzidenzen

Der Epidemiologe Klaus Stöhr, ehemaliger Leiter des WHO-Influenzaprogramms, kann den Wunsch der Medizinerinnen und Mediziner nach risikogruppenspezifischen Zahlen nachvollziehen: "Die Amtsärzte wissen schon, warum sie sich lieber auf die Risikoinzidenzen konzentrieren wollen, als mit dem Gießkannenprinzip auf die Gesamtpopulation."

Die Inzidenzen spezifischer auf bestimmte Gruppen auszurichten, könne auch bedeuten, sie deutlich niedriger als 50 anzusetzen. Für eine vulnerable Gruppe könnten etwa niedrigere Inzidenz-Werte angesetzt werden als bei jungen, gesunden Menschen.

Insgesamt hält Klaus Stöhr Inzidenzen von 50 und niedriger aber für nicht sehr praktikabel. Die besondere Schwierigkeit sei es, sie zu halten. Zudem würden andere Länder wie Österreich und Frankreich zeigen, wie man auch mit höheren Inzidenz-Werten Lockerungen vollziehen kann.

"Wünschenswert ist tatsächlich No-Covid, aber vom Wunsch allein geht das Virus nicht weg."
Klaus Stöhr, Epidemiologe