Wer ein Auslandssemester plant, die oder den zieht es vermutlich in die Ferne. Ein Semester im eigenen Land – und dann noch auf dem Dorf – klingt dagegen eher so mittelcool. Einige spanische Unis bieten aber genau das gerade an, im Rahmen des Programms "Erasmus Rural".

Australien? USA? Südafrika? Indien? Wenn es schon ins Ausland geht zum Studieren, dann doch gerne weit weg, um zu erfahren, wie Land, Leute und Leben dort so funktionieren. Und ein bisschen Abenteuer darf ja gern auch dabei ein.

Es geht aber auch anders: Studieren im Kaff. Im Rahmen des ländlichen Austauschprogramms Erasmus Rural schicken Unis Studierende für ein Praxissemester in Gemeinden mit in der Regel wenigen Hundert Einwohner*innen.

Berufspraxis im Kleinformat

Beatrice Melora Magurena studiert zum Beispiel Arbeitsbeziehungen und Human Resources an der Universidad de La Rioja in Logroño im Norden Spaniens. Die Uni bietet den ländlichen Austausch an und so ist Beatrice im winzigen Rathaus der kleinen Gemeinde San Millán de la Cogolla gelandet. Dort hat sie dann aber auch mit wirklich allem zu tun, was dort so anfällt, von Verwaltungsaufgaben bis zur Buchhaltung – im Prinzip einmal die komplette Praxis im Kleinformat.

Was ihre praktische Erfahrung betrifft, findet die Studentin das Praktikum im Rathaus super. Ans Dorfleben musste sie sich aber natürlich erst Mal gewöhnen. Die Provinzhauptstadt Logroño hat über 150.000 Einwohner.

Dorfkneipe hilft bei Integration

Die etwa 230 Menschen in San Millán de la Cogolla hätten sie aber ziemlich schnell integriert. Sie sei einfach in die Dorfkneipe gegangen – danach hätten die Leute ihr ein Haus klar gemacht, in dem sie wohnen kann und von da an sei sie so behandelt worden, als wäre sie schon immer da gewesen. Inzwischen verbringt Beatrice auch regelmäßig ihre Nachmittage mit der Dorfgemeinschaft.

"Erasmus Rural will zeigen, dass auch ländliche Regionen attraktiv sein können – klar verbunden mit der Hoffnung, dass ein paar der jungen Leute dann vielleicht auch wiederkommen."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk Nova

So rosarot wie das klingt, ist es natürlich nicht immer: Andere Studierende berichten, dass sie sich gerade am Anfang schon sehr einsam gefühlt haben. Denn gerade junge Leute gibt es auf dem Land weniger. Nach ein paar Wochen haben viele der Studierenden dann aber auch die Erfahrung gemacht, wie wertvoll der generationsübergreifende Zusammenhalt in solchen kleinen Gemeinden sein kann.

Existenz mancher Dörfer bedroht

In Spanien ist es ein besonders großes Problem, dass die jungen Menschen die Dörfer verlassen, wenn sie erwachsen werden. Das Ausmaß ist gewaltig: Seit dem Jahr 2000 haben 40 Prozent der spanischen Gemeinden bis zu einem Viertel ihrer Einwohnenden verloren und laufen damit Gefahr, bald nicht mehr zu existieren.

"2021, als die Austauschsemester auf dem Land zum ersten Mal angeboten wurden, sind tatsächlich zwei Studierende danach in ihren Austauschdörfern geblieben."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk Nova

Erasmus Rural will zeigen, dass auch ländliche Regionen attraktiv sein können – klar verbunden mit der Hoffnung, dass ein paar der jungen Leute dann vielleicht auch wiederkommen oder zumindest einen Job in einer ländlichen Region nicht gleich ausschließen.

2021, als die Austauschsemester auf dem Land zum ersten Mal angeboten wurden, sind tatsächlich zwei Studierende danach in ihren Austauschdörfern geblieben. Viele sind das zwar nicht, aber es scheint zumindest auf Interesse zu stoßen. Zum Start der zweiten Runde 2022 wurden nochmal mehr Plätze angeboten.

Die Dörfer und Gemeinden finden das Ganze natürlich auch gut. Sie freuen sich, wenn junge Menschen kommen – würden sich aber noch mehr freuen, dass es ein solches Programm auch für Handwerksberufe geben würde. Genau diese Fachkräfte fehlen im ländlichen Bereich nämlich an allen Ecken und Enden.

Modell auch für Deutschland?

Ein ländlicher Austausch könnte auch ein Modell für Deutschland sein. Auch dort wollen die jungen Leute lieber in die Städte. So krass wie in Spanien ist die Situation aber nicht, nur etwa ein Prozent der Gemeinden sind in ihrer Existenz bedroht. Gleichzeitig ziehen in Deutschland schon jetzt wieder mehr Menschen aufs Land, sagt Soziologe Frederick Sixtus.

"Im Vergleich zu vor einem Jahrzehnt leben heute wieder deutlich mehr Menschen in Deutschland auf dem Land."
Frederick Sixtus, Soziologe

Im Jahr 2020 zum Beispiel haben Berlin – zum ersten Mal seit Jahrzehnten – mehr Menschen verlassen, als hinzugezogen sind. Zum einen waren das junge Familien, die bezahlbaren Wohnraum suchen. Aber auch immer mehr Menschen, die es nach dem Studium oder der Ausbildung ganz bewusst aufs Land zieht, weil sie Lust haben auf Natur und ein Leben jenseits der Stadt.

Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung beschleunigt – nicht zuletzt, weil wir inzwischen in vielen Jobs auch von zuhause aus arbeiten können und nicht mehr pendeln müssen. Der tägliche Stau ist einer der Downer für Menschen, die auf dem Land leben und in der Stadt arbeiten.

Hinweis: Unser Bild oben zeigt die spanische Gemeinde Avila.

  • Moderation:  Thilo Jahn
  • Gesprächspartner:  Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk Nova