Nach einem schweren Erdbeben in Afghanistan sind mindestens 1000 Menschen ums Leben gekommen. Die Hilfe kommt nur langsam in der Bergregion an. Auch, weil es internationale Sanktionen gegen Afghanistan gibt. Denn in Kabul herrscht das Taliban-Regime. Wie Hilfe jetzt möglich ist.

Die Informationslage nach dem Erbeben am 22. Juni in Afghanistan verändert sich laufend. Zurzeit gehen die Vereinten Nationen von über 1000 Toten und 1500 Verletzten aus. Die Befürchtung ist groß, dass die Zahlen steigen. Im Erdbebengebiet heben Helfer*innen Massengräber aus.

Die Rettungsarbeiten laufen schleppend. Denn zum einen liegt das Erdbebengebiet in einer abgelegenen Bergregion an der Grenze zu Pakistan, so Anne Cuber aus unserer Nachrichtenredaktion. "Die Region ist schlecht zu erreichen." Außerdem fehlen Bagger oder anderes schweres Gerät.

Hilfe läuft nur schleppend an

Das Taliban-Regime hat wenige Hubschrauber in die Region geschickt, ebenso das Militär und auch Rettungswagen. Die radikalislamistische Terrorgruppe Taliban hatte im Sommer 2021 gewaltvoll die Macht in Afghanistan übernommen und die gewählte Regierung vertreiben. Das Regime hat nun um internationale Hilfe gebeten.

Dass die Situation nach dem Erbeben weiterhin unübersichtlich und chaotisch ist, unterstreicht auch unser Südasien-Korrespondent Peter Hornung. Vor Ort sei alles zerstört. Menschen werden vermisst und die Suche geht weiter.

Peter Hornung, Dlf Südasien-Korrespondent. Das ganze Gespräch hier im Audio.
"Es ist wichtig, weiter nach Verschütteten zu graben. Es sind noch viele Menschen unter den Trümmern. Man gräbt mit bloßen Händen."

Zugleich läuft die internationale Hilfe an. "Aber auch das geht eben leider nicht von null auf hundert", sagt Anne. Zum einen gibt es viele Hilfsstrukturen nicht mehr, die es vor der Machtübernahme gab. Zum anderen soll die Hilfe den Menschen vor Ort zu Gute kommen, nicht aber das Taliban-Regime stützen.

In Afghanistan gelten internationale Sanktionen. "Die Organisationen kommen nicht so einfach und vor allem nicht so schnell an Geld in Afghanistan", sagt Anne Cuber. Und die wenigen Hilfsorganisationen, die noch vor Ort sind, kämpfen gegen eine akute Hungerkatastrophe im Land. Laut Welternährungsprogramm hungert fast die Hälfte der Afghan*innen.

"Die wenigen Hilfsorganisationen, die noch in Afghanistan aktiv sind, sind mit der Hungerkatastrophe, die aktuell herrscht, komplett ausgelastet."
Anne Cuber, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Mehrere internationale Organisationen schicken Teams, Medikamente und Material in das Erdbebengebiet. Die Vereinten Nationen zum Beispiel haben zehn Tonnen Medikamente und Ärzte in die Region gebracht. Der Uno-Sonderbeauftragte für humanitäre Angelegenheiten in Afghanistan, Ramiz Alakbarov, bat die internationale Gemeinschaft um Geld. Allein für die Hilfen, die die UN am 22. Juni geleistet haben, seien 15 Millionen US-Dollar nötig. Ramiz Alakbarov will außerdem Länder in der Region, wie zum Beispiel die Türkei, um humanitäre Hilfe bitten. Sie könnten schweres Gerät liefern.

Die internationalen Sanktionen verhindern Hilfen

Gleichzeitig wird diskutiert, ob die internationalen Sanktionen angepasst werden müssen. "Einige Hilfsorganisationen fordern das schon lange", sagt Anne Cuber. Die Kritik an den Sanktionen lautet, dass nicht das Taliban-Regime unter den Sanktionen leidet, aber die Menschen vor Ort.

Infolge der Sanktionen wurden Hilfsgelder eingefroren, ebenso das afghanische Staatsvermögen im Ausland. Auch der Rückzug der internationalen Organisationen hatte enorme Folgen, denn viele Menschen verloren ihre Jobs.