Nach der Vergiftung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny wird auch der Baustopp der Gaspipeline "Nord Stream 2" diskutiert. Wie schlimm wäre es, wenn die Drohung umgesetzt würde und die Gasleitung nicht käme?

1200 Kilometer soll die Gaspipeline "Nord Stream 2" lang sein. Davon fehlen nur noch 150 Kilometer. Sie ist also fast fertig und soll Erdgas direkt von Russland nach Deutschland liefern. Der Großteil der Leitung verläuft unter der Ostsee.

Wie notwendig ist Nord Stream 2?

"Wir brauchen die Pipeline nicht unbedingt, um uns mit Erdgas zu versorgen", sagt Werner Eckert, ARD-Umweltredakteur. Das sei nie strittig gewesen. Er nennt verschiedene Aspekte rund um "Nord Stream 2", die eine Rolle spielen:

  • Ein Viertel des Energieprimärbedarfs wird durch Erdgas gedeckt. Russland ist dabei ein wichtiger Lieferant, aber nicht der einzige. Erdgas kommt auch aus Norwegen oder den Niederlanden.
  • Die Versorgung mit Erdgas läuft aktuell auch ohne die geplante Pipeline "Nord Stream 2".
  • Der Bau der Gasleitung war eher für ein mögliches Mehr an Erdgasbedarf in der Zukunft gedacht.
  • Die Pipeline ist sicherer, denn sie verläuft unter der Ostsee, es gibt weniger Lecks. Das ist gut, aber kein zwingender Grund.
  • "Nord Stream 2" ist eine direkte Verbindung zu Russland. Damit schafft man eine Alternative zu Pipelines durch die Türkei, Ukraine oder auch Belarus.

Wie viel Erdgas in der Zukunft verbraucht wird, ist offen. Es gibt Untersuchungen, die voraussagen, dass die Bedeutung von Gas bis 2030 zunehmen könnte, so Werner Eckert. Erdgas könnte quasi zu einem Puffer werden, wenn die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Langfristig wird aber auch Erdgas an Bedeutung verlieren, wenn man am Klimaschutz festhält.

"Jenseits von 2030 wird auch Gas drastisch nach unten gefahren werden, wenn wir bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein wollen."
Werner Eckert, ARD-Umweltredakteur

Die Erdgasinfrastruktur könnte man in Zukunft aber möglicherweise anders nutzen: für Biogas oder synthetisches Gas. Ebenso für den Transport von Wasserstoff.

Die Interessenlage ist unübersichtlich

Unter Aspekten des Klimaschutzes sei die Gaspipeline von Beginn an umstritten gewesen, wolle man die aktuellen Klimaziele in Deutschland und Europa nicht in Frage stellen. "Das europäische Parlament arbeitet zurzeit an einer Verschärfung der Klimaschutzziele für 2030", sagt Werner Eckert.

"Unter Klimaaspekten kann man sicher sagen, dass diese Pipeline eigentlich nicht lange funktionieren darf. Wenn sie denn jemals funktioniert."
Werner Eckert, ARD-Umweltredakteur

Auch die USA waren von Beginn an gegen den Bau der Pipeline, aber nicht aus klimapolitischen Überzeugungen. Sie wollen den Export von Öl aus Fracking und von Flüssiggas ankurbeln. Aus den USA werden mittlerweile 15 Prozent des Bedarfs an Flüssiggas in der EU gedeckt. "Das ist ein boomender Markt", sagt Werner Eckert. Und Washington möchte vermutlich lieber, dass Flüssiggas aus den USA gekauft wird, statt dass Erdgas per Pipeline aus Russland zu uns kommt.