Ab wann sollte menschliches Leben geschützt werden? Bereits dann, wenn Spermie und Eizelle miteinander verschmelzen oder erst nach zehn Tagen, wenn sich die Eizelle in der Gebärmutter eingenistet hat? Theoretisch gibt es viele Möglichkeiten, diesen Zeitpunkt zu definieren, natürlich kann er auch noch viel später liegen.

Doch was nützt das in der Praxis? Beruflich befasst sich die Medizinethikerin Prof. Bettina Schöne-Seifert mit diesem Fragenkomplex. Viele Jahre lang war sie Mitglied des Deutschen Ethikrates und vertritt eine recht liberale Position. Im Gegensatz zur Lehre der Katholischen Kirche etwa sind für sie bloße Zellhaufen noch kein schützenswertes Leben. Erst wenn Embryonen über ein Bewusstsein verfügten, lasse sich eine Schutzwürdigkeit begründen.

Der Göttinger Theologe Prof. Reiner Anselm plädiert beim Schwangerschaftsabbruch dafür, diese Entscheidung der Frau bzw. dem Paar zu überlassen, wenn sich herausstellt, dass das Kind behindert zur Welt kommen würde. Es sei ein Irrweg, wenn Eltern Kriterien gegen einen Abbruch von der Gesellschaft aufoktroyiert bekämen.

Gesprochen haben die Beiden auf der Veranstaltung "Streitgespräche über Gott und die Welt – Der Beginn des Lebens", initiiert vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie von der dortigen Evangelisch-Theologischen Fakultät. Am 27. Mai 2014.

"Es scheint mir geradezu absurd zu glauben, dass ganz frühe menschliche Embryonen, die man nur unter dem Mikroskop sehen kann, dass wir sie tatsächlich so behandeln sollten wie geborene Menschen"
Prof. Bettina Schöne-Seifert, Medizinethikerin
"Jetzt steht im Fokus nicht mehr die Individualität der Frau und ihre Entscheidungsfindung, sondern die Individualität des Embryos"
Prof. Reiner Anselm, evang. Theologe
Bettina Schöne-Seifert, Medizinethikerin und Reiner Anselm, evangelischer Theologe
© Foto: Sarah Batelka
Bettina Schöne-Seifert, Medizinethikerin und Reiner Anselm, evangelischer Theologe