Viele Deutschen fühlen eine immerwährende Schuld: die Schuld für die Massenmorde der Nationalsozialisten. Wer sie nicht fühlt und mit der "Gnade der späten Geburt" von sich weist, den holen nicht nur die Ansprachen unserer Bundespräsidenten ein. Sie fordern, niemals zu vergessen. Mit der Frage politischer und theologischer Schuld befassen sich Maria-Sibylla Lotter und Klaas Huizing.

Helmut Kohl und Willy Brandt waren Bundeskanzler, die mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auf schwierigem diplomatischen Parkett umgehen mussten. Helmut Kohl, der in Israel von eben jener "Gnade der späten Geburt" sprach und alle Deutschen ab Geburtsjahrgang 1931 gleichzeitig frei von jeder Schuld, erntete dafür viel Kritik.

Die Schuld der Anderen übernehmen

Die Ethikerin Maria-Sybilla Lotter führt als weiteres Beispiel den Kniefall von Willy Brandt in Warschau im Jahr 1970 an. Willy Brandt bekannte sich zu einer Schuld, die er nicht persönlich begangen hatte, doch stellvertretend für alle Deutschen übernahm.

"Deutsche setzen sich mit der Beteiligung ihrer Vorfahren am Holocaust auseinander und bevorzugen dabei Historiker, die von einer maximalen Kollektivschuld ausgehen."
Maria-Sibylla Lotter, Philosophin

Schuld und Scham im Alten Testament

Der Theologe Klaas Huizing geht in der Geschichte von Schuld und Scham noch weiter zurück: ins Alte Testament. Er arbeitet heraus, dass in der Brudermord-Erzählung von Kain und Abel zum allerersten Mal der Begriff Sünde auftaucht – während es die Scham schon in früheren Abschnitten der Bibel gibt.

"Scham ist ein schreckliches Gefühl, weil man den Kopf nach unten trägt. Es ist ein suizidales Gefühl."
Klaas Huizing, evangelischer Theologe

Schuld, Scham, Empörung, Sünde, Gewalt: Huizing erläutert, warum solche Begriffe uns noch heute umgeben und wie wir sie verstehen können.

Veranstaltet hat das wissenschaftliche Symposium "Schuld und Scham" die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Es fand am 8. und 9. November 2019 am Ruhr-Universitätsklinikum Bochum statt und beleuchtete verschiedene Sichtweisen auf die beiden Begriffe.

Maria-Sibylla Lotter hat den dortigen Lehrstuhl für Ethik und Ästhetik inne und spricht über "Das Zeitalter der Schuld - Wie Schuld und Scham die politische Wahrnehmung in westlichen Demokratien verändert haben".

Klaas Huizing als evangelischer Theologe, ebenfalls Lehrstuhlinhaber, an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, befasst sich mit "Die Schuld-Scham-Verschiebung - Versuch über den Ursprung von Gewalt".