Der Europäische Gerichtshof entscheidet am Donnerstag (28.10.2021) über die Definition von Fortpflanzungsstätten von Feldhamstern. Denn bei einem Bauvorhaben in Wien wurde ein Feldhamsterbau beschädigt. Dabei sind die kleinen Tiere streng geschützt.

Der leitende Mitarbeiter der Baufirma sollte ein Bußgeld zahlen. Dagegen klagte er. Er argumentierte, dass zum Zeitpunkt der Baumaßnahmen die Feldhamster ihre Baue nicht genutzt hätten.

Melanie Albert ist Biologin und hessische Regionalkoordinatorin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz. Ihr Posten wurde geschaffen, damit Feldhamster und Landwirtschaft friedlich koexistieren können.

In dem anstehenden Urteil geht es um die Fortpflanzungs- und Ruhestätte des Feldhamsters, sagt Albert, den Bau. "Von außen sieht er wie ein großes Loch im Boden aus. Also recht unspektakulär. Das Loch führt in ein Röhrensystem, das zu einem bis zu zwei Meter unter der Erde liegenden gekämmerten Bau leitet", erläutert die Biologin.

Die Biologin Melanie Albert betrachtet einen Feldhamster
© Helmut Weller
Die Biologin und Regionalkoordinatorin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz Melanie Albert und ein Hamster

Der Feldhamster verbringt in dem Bau die meiste Zeit seines Lebens. Er hält dort ein halbes Jahr Winterschlaf, so Melanie Albert. Auch in der aktiven Zeit von Mai bis Oktober ist das Tier oft im Bau. "Weil der Feldhamster ein heimliches Tier ist, kommt er eigentlich nur zum Futtern und zur Fortpflanzung heraus."

Im Frühjahr verbringen Feldhamster noch Wochen im Bau

Die Frage, ob der Hamster zur Zeit des Bauprojekts der Firma tatsächlich nicht zu Hause war, sei schwer zu beurteilen, so Melanie Albert. "Gerade wenn die Saison im Frühjahr beginnt, sind die Tiere nicht zwingend jeden Tag aktiv. Sie verbringen dann auch Tage oder Wochen im Bau."

Während der Paarungszeit nutzt ein Feldhamster verschiedene Baue

Der Feldhamster ist ein Einzelgänger, sagt Melanie Albert. Daher nutzen mehrere Tiere unterschiedliche Bauten in ihrem Leben. Zur Paarungszeit könnte sich ein Männchen beispielsweise in einem fremden Bau ausruhen, nachdem es längere Strecken auf der Suche nach einer Partnerin zurückgelegt hat.

"Wenn irgendwelche Gefahren drohen, hat der Feldhamster einen zweiten Bau, in den er sich zurückziehen kann."
Melanie Albert, Biologin und Regionalkoordinatorin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz

Laut Melanie Albert ist diese Lebensweise für den Feldhamster sehr wichtig: "Der Feldhamster sucht sich spezifisch aus, wo er die Baue anlegt. Er sucht sich die besten Böden aus, damit sein Bau zwei Meter unter der Erde stabil ist."

Entsprechende Böden seien aber nicht überall verfügbar, so Albert: "In einer Großstadt wie Wien gibt es nur noch sehr wenige Bereiche, in denen diese Böden verfügbar sind. Wenn sich der Feldhamster dort einen Standort gesucht hat, dann ist das der perfekte Lebensraum für ihn."

Dabei ist der Feldhamster ein geschütztes Tier und vom Aussterben bedroht.

"Der Feldhamster steht international auf der Roten Liste und wurde im letzten Jahr von ungefährdet auf weltweit vom Aussterben bedroht hochgestuft."
Melanie Albert, Biologin und Regionalkoordinatorin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz

Wichtig für den Feldhamster ist auch der Abstand zum Menschen - und der ist in Großstädten natürlich rar. Deswegen würde Melanie Albert es begrüßen, wenn der EuGH entscheidet, dass es sich bei der Zerstörung eines Feldhamsterbaus um eine rechtliche Angelegenheit
handelt.

"Wir brauchen den stärken Schutz für Feldhamster. Das gilt aber nicht nur für eine Großstadt wie Wien. Es gibt überall einen hohen Baudruck in den Bereichen, wo der Feldhamster vorkommt."
Melanie Albert, Biologin und Regionalkoordinatorin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz

Die Regionalkoordinatorin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz Melanie Albert wäre froh, wenn das Urteil zugunsten des Feldhamsterschutzes ausfallen würde.

Update: Der EuGH hat inzwischen zugunsten der Feldhamster entschieden. Demnach umfasst der Begriff "Fortpflanzungsstätte" alle Gebiete, die für die erfolgreiche Vermehrung einer Tierart erforderlich sind – einschließlich des Umfelds der Fortpflanzungsstätte. Das sei wichtig, um die gefährdeten Tiere zu schützen, so das Gericht.

  • Kurz und Heute
  • Moderatorin:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartnerin:  Melanie Albert, Biologin und Regionalkoordinatorin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz