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Europa ist auch ein Friedensprojekt und eine Wertegemeinschaft. Wie sich diese Werte gebildet haben und wie es heute um sie steht, erklärt Sozialphilosoph Hans Joas.

Die schrecklichen Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie die Gräueltaten des deutschen Nationalsozialismus führten dazu, dass die europäischen Staatsmänner in den 1950er Jahren den Nationalismus überwanden und die europäische Einigung vorantrieben. Dieser Gründungsmythos der Europäischen Union als Friedensprojekt hält sich bis heute, sagt Hans Joas. Er ist Soziologe und Sozialphilosoph an der Humboldt-Universität Berlin und erforscht, wie kollektive Werte entstehen.

"Alle großen Kollektive neigen, wenn sie Werte herausbilden, auch zur Sakralisierung ihrer selbst."

Doch müsse man in der Anfangszeit des europäischen Projekts mindestens von einer Art Doppelzüngigkeit sprechen, von einer Moral, an die sich ihre Verfechter nur sehr eingeschränkt hielten, sagt Hans Joas. "Denn eine idealistische Friedenssehnsucht der europäischen Staatsmänner war gewiss nicht das, was die Kolonialvölker in dieser Zeit wahrnahmen – im Gegenteil."

Föderalismus und Kolonialismus

In den Kolonialgebieten der europäischen Staaten gehörte Gewalt und Folter zum Alltag. Und die Kolonialmächte sorgten dafür, dass die europäische Menschenrechtskonvention nicht auf die Kolonien angewendet wurde. "Das heißt aber, dass wir für den frühen Föderalismus in Europa von einer kolonialistisch-imperialistischen Dimension auszugehen haben," so der Sozialphilosoph.

"Allzu leicht werden unsere Interessen und Werte in einem Atemzug genannt, als wiesen diese in dieselbe Richtung. Dabei sind unsere Werte die Instanz, vor der sich die Verfolgung unserer Interessen rechtfertigen muss."

Hans Joas beschränkt seine Analyse europäischer Werte nicht auf die Vergangenheit. In seinem Vortrag beschreibt er die möglichen Auswirkungen einer gemeinsamen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik in Europa. Zum Beispiel sieht er die Gefahr, dass die Wertegemeinschaft Europa die eigenen Prinzipien nur nach innen vertritt und global gesehen zu einer weiteren Großmacht mit Eigeninteressen wird.

Der Vortrag:

"Friedensprojekt Europa?" heißt der Vortrag von Hans Joas. Gehalten hat er ihn am 4. März 2021 im Rahmen der Reihe vhs wissen live der Volkshochschule im Landkreis Erding und der Volkshochschule Südost im Landkreis München.