Die EU hat haufenweise Probleme, für die es nicht den einen guten Weg gibt, sondern eher mehrere schlechte. Die Philosophie spricht da von Dilemma-Situationen. Dieser Hörsaal geht der Frage nach, wie sich Probleme zu Pressefreiheit, Demokratieverständnis, oder Flüchtlingen dennoch lösen lassen.

Wer in einer Zwickmühle steckt, hat nur Handlungsoptionen, die nachteilige Folgen mit sich bringen. Will niemand. Die Philosophen bezeichnen das als Dilemma. Ein Staatenbündnis wie die Europäische Union kann sich solch eine Lähmung nicht erlauben. Gerade, wenn es viele Schwierigkeiten gibt, muss sie handlungsfähig sein und bleiben.

Aus diesem Grund hat die Frankfurt School of Applied Sciences am 14. April 2018 zur Tagung "Europäische Werte - ein Dilemma" geladen. Es ging darum, Handlungsspielräume auszuloten, aus unterschiedlichen Perspektiven.

"Ich will im Folgenden argumentieren, dass Demokratie und Menschenrechte integraler Bestandteil jeder globalen Friedensordnung sind. Daraus folgt aber meines Erachtens nicht, dass wir die Friedensbildung um jeden Preis und in jeder Situation an Menschenrechte und Demokratiestandards binden sollten."

Eine davon hatte die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff beizusteuern. Deitelhoff ist Professorin für "Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik" an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie leitet das Leibniz Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Der Titel ihres Vortrages lautete: "Die geo­strat­egische Be­deutung der EU für die globale Friedens­bildung."

"Das heisst also: Zonen der Übereinstimmung gerade mit Russland suchen, Annäherungen zulassen und so wieder neues Vertrauen aufbauen."

Die Konfliktforscherin liefert Impulse für eine Quadratur des Kreises aus politikwissenschaftlicher Sicht. Aber auch und insbesondere die Philosophie kennt den Umgang mit Dilemmata - und versucht Antworten zu geben. 

Klaus-Jürgen Grün, außerplanmäßiger Professor am Institut für Philosophie an der Goethe-Universität, hat sich aus diesem Grund nochmal eingehender mit Dilemmata beschäftigt. Und auch das Wort "Werte", aus dem Titel der Tagung schaut er sich genauer durch die philosophische Brille an. 

"Daraus folgt, dass in unseren moralischen Konzeptionen, die sich auf eine solche bedingungslose oder unbedingte Gültigkeit stützen, eine Unredlichkeit steckt."

Kants Kategorischer Imperativ wird von ihm seziert. Wie interessensgeleitet sind wir, wenn wir abstrakt von "Werten" sprechen? Welche Interessen treiben uns an? Natürlich wird der Philosoph nicht konkret politisch. Aber Handlungsempfehlungen spricht er schon aus in seinem Vortrag mit dem Titel "Unglaubwürdigkeiten in der Begründung und Verteidigung von Werten".

"Ich plädiere also zumindest vorübergehend für eine Enthaltung in der Verwendung moralischer Werte in der politischen Diskussion."

Es gibt Handlungsoptionen, auch in der aktuellen Situation. Dieser Hörsaal skizziert, welche das sind.

Die beiden Vorträge wurden anlässlich des Symposiums "Europäische Werte - ein Dilemma" am 14. April 2018 gehalten. Veranstaltet wurde die Tagung vom Center for Applied European Studies der Frankfurt University of Applied Sciences in Kooperation mit dem Ethikverband der deutschen Wirtschaft.

Weitere Hörsäle dieser Tagung bei Deutschlandfunk Nova:

  • Philosophie: Gute Toleranz, schlechte Toleranz | Toleranz ist ein zentraler Begriff pluralistischer demokratischer Gesellschaften. Dabei ist gar nicht so klar, was er bedeutet.
  • Rechtsphilosophie: Migration und Moral | Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel fordert im Hörsaal die Bestimmung einer Obergrenze und argumentiert dafür unter anderem mit Religion und dem Recht auf den Erhalt einer nationalen kulturellen Identität.