Zocken und gleichzeitig der Wissenschaft helfen, das Coronavirus zu besiegen – klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Doch das Game "Eve Online" macht genau das, indem es seine Gamerinnen und Gamer echte Forschungsdaten spielerisch auswerten lässt.

In der Weltraumsimulation "Eve Online" können die Spielerinnen und Spieler mit Raumschiffen durchs All fliegen, Planeten besuchen und Weltraumschlachten schlagen – und seit 2015 können sie zusätzlich damit der Forschung im Real Life helfen.

Denn seitdem gibt es innerhalb des Games das Minispiel "Project Discovery", in dem die Spielerinnen und Spieler Daten für Forschungsteams aus Kanada und Italien auswerten, die ihnen bei der Entwicklung von Therapien oder Impfstoffen helfen könnten, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Thomas Ruscher.

"Seit 2015 gibt es in 'Eve Online' auch das 'Project Discovery'. Das ist ein Mini-Spiel im Game und macht es möglich, der Wissenschaft zu helfen. Also nicht im Game, sondern ganz konkret der echten Forschung."
Thomas Ruscher, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Seit Juni 2020 geht es dabei um den Kampf gegen das Coronavirus. Laut der Spielefirma sollen die 171.000 Gamerinnen und Gamer in den vergangenen Monaten 47 Millionen einzelne Darstellungen bearbeitet haben – das entspreche einer Forschungsarbeit von 36 Jahren, die dadurch eingespart wurde.

Komplexe Daten simpel heruntergebrochen

Die wissenschaftlichen Daten, die die Spielerinnen und Spieler im Game auswerten, wurden durch die sogenannte Durchflusszytometrie gesammelt. Bei diesem Verfahren werden Zellen an einem Laserscanner vorbeigeleitet, der dann die Eigenschaften der einzelnen Zellen ausliest. Beispielsweise geht es darum zu erkennen, wie Immunzellen auf Antikörper reagieren, erklärt Carsten Watzl, Leiter der Forschungsabteilung Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund.

Dabei entstünden meistens hochkomplexe Datenberge, weil bei der Durchflusszytometrie nicht nur zwei oder drei Parameter pro Zelle bestimmt werden, sondern bis zu 40. Um das bildlich darzustellen, werden die Zellen auf zweidimensionale Darstellungen heruntergebrochen. Diese Darstellungen bekommen dann die Spielerinnen und Spieler zu sehen.

Die Aufgabe: Punkte-Wolken umkreisen

Genauer gesagt sehen die Spielerinnen und Spieler ein Diagramm, auf dem viele kleine Punkte drauf sind, die die einzelnen Zelleigenschaften darstellen. Zellen mit ähnlichen Eigenschaften bündeln sich dabei, und so entstehen an bestimmten Orten Punkte-Wolken. Diese müssen die Spielerinnen und Spieler einkreisen. So können sie auswerten, welche Zellen ähnliche Eigenschaften haben und ähnlich auf Antikörper reagieren.

Welche Parameter aber genau analysiert werden, das können die Spielerinnen und Spieler nicht erkennen, sagt Carsten Watzl, nachdem er sich das Mini-Game angesehen hat.

"Die Spieler wissen überhaupt nicht, welche Parameter da überhaupt analysiert werden, sondern sie gucken nur darauf: Sehe ich hier ein gewisses Muster, dass einige Zellen oder einige Punkte in einem Muster hier zusammen liegen?"
Carsten Watzl, Leiter der Forschungsabteilung Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

Bei dieser Art von Auswertung ist laut Carsten Watzl das menschliche Auge sogar etwas besser als der Computer. Ein weiteres Ziel des "Project Discovery" ist es deshalb auch, künstlichen Intelligenzen beizubringen, die Datensätze genauso gut wie das menschliche Auge zu erkennen.

Nichtsdestotrotz: Irren ist auch menschlich. Um zu verhindern, dass die Forschenden falsche Daten erhalten, wird jede Darstellung immer von mehreren Spielerinnen und Spielern bearbeitet. So können fehlerhafte Auswertungen besser erkannt werden.

Der andere Blickwinkel

Carsten Watzl sieht noch einen weiteren Vorteil darin, dass die Daten von Menschen ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse ausgewertet werden: Unvoreingenommenheit. Würden Forschende die Daten auswerten, würden sie meist auf die vielversprechenden Eigenschaften schauen und möglicherweise anderes dadurch übersehen.