Das Masernvirus gibt es beim Menschen schon viel länger als angenommen - genau genommen seit dem 6. Jahrhundert vor Christus. Dieses Erkenntnis kann uns helfen zu verstehen, wie sich Pandemien in Zukunft besser eindämmen lassen.

2018 starben am Masernvirus weltweit 140.000 Menschen. Bevor es jedoch einen Impfstoff dagegen gab, fielen vermutlich um die 2,6 Millionen Menschen dem Virus zum Opfer. Dass das Virus deutlich älter ist als bisher angenommen, haben die Forschenden in einer neuen Studie unter der Leitung des Robert-Koch-Instituts herausgefunden, indem sie verschiedene DNA-Mutationen des Masernvirus analysiert und verglichen haben.

Dabei fanden sie heraus, dass das Virus bereits im 6. Jahrhundert vor Christus auf den Menschen übergegangen sein muss. Entstanden ist das Masernvirus damals laut der Forschenden aus dem Rinderpestvirus. Dieses kommt bei Paarhufern, also beispielsweise Pferden und Rindern, vor.

Methodik: "Molekulare Uhr"

Um auf das 6. Jahrhundert vor Christus zu kommen, haben sich die Forschenden der Methode der "molekularen Uhr" bedient. Denn grundsätzlich mutiert das Erbgut von Viren und somit ihre DNA immer über die Jahre hinweg – je mehr Zeit vergangen ist, desto mehr Mutationen sind festzustellen, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Nele Rößler.

"Das Erbgut, also die DNA, mutiert. Und zwar umso mehr, je mehr Zeit vergeht."
Nele Rößler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Indem die Forschenden die Anzahl der Mutationen berechnet hatten, konnten sie feststellen, wann sich zwei Arten von gemeinsamen Vorfahren abgespaltet haben.

Masernvirus von 1912

Im Fall der neuen Studie hat das Forschungsteam Proben aus dem Lungengewebe einer Patientin entnommen, die im Jahr 1912 an den Masern gestorben ist, um so das Erbgut des Virus von 1912 zu rekonstruieren. Dieses Erbgut haben die Forschenden mit einer Masernprobe von 1960 und mit vielen anderen Viren verglichen. Außerdem fand ein Vergleich mit fast 130 Genomen von Masern aus der Gegenwart und mit den Genomen von Rinderpest und der Pseudorinderpest statt. Die Pseudorinderpest ist die ursprüngliche Krankheit, die da war, bevor sie auf den Menschen überging.

Durch die neue Vergleichsprobe aus dem Jahr 1912 konnten die Forschenden nun zurückrechnen, wann das Virus auf den Menschen übergegangen ist.

6. Jahrhundert vor Christus ist eine Schätzung

Dabei rechneten die Forschenden einen Zeitraum zwischen den Jahren 1174 vor Christus und 165 nach Christus aus. Die Festlegung auf das 6. Jahrhundert vor Christus erklären die Forschenden folgendermaßen: Die Masern sind eine Infektionskrankheit wie Covid-19. Es müssen sich also viele Menschen begegnen, um sich gegenseitig anzustecken. Da es jedoch vor dem 6. Jahrhundert vor Christus nicht genug Menschen auf der Erde gab, ist der Zeitraum vorher auszuschließen. Zudem begann zu dieser Zeit der Handel und die Menschen reisten mehr als davor.

"Die Forschenden sagen, dass es wohl erst ab dem 6. Jahrhundert vor Christus genug Menschen auf der Welt gab, damit sich die Masern überhaupt verbreiten konnten."
Nele Rößler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

In vorherigen Studien wurde der Beginn der Masernkrankheit beim Menschen auf das Mittelalter datiert. Jedoch merkt eine Wissenschaftlerin der aktuellen Studie an, dass in früheren Untersuchungen keine langfristigen, evolutionären Dynamiken miteinbezogen wurden.

Bezogen auf unsere jetzige Situation sagen die Forschenden, dass es immer wichtig sei, die Evolutionsgeschichte von Viren besser zu verstehen, um Pandemien in der Zukunft besser verhindern zu können. Die neue Erkenntnis könnte auch bedeuten: Das neuartige Corona-Virus wird so schnell nicht mehr aus unserem Leben verschwinden.