Eine künstliche Intelligenz, die in der Lage ist, unsere Gedanken zu lesen: In einem Experiment haben sich Forschende diesem Szenario angenähert. Mit Hilfe eines MRT-Scans konnten sie die Gedanken von Probanden grob rekonstruieren.

Das Experiment verschiedener Computer- und Neurowissenschaftler*innen der Universität Texas in Austin ist als Studie bisher nur vorab veröffentlicht worden. Sie muss noch begutachtet werden.

Die bereits veröffentlichten Ergebnisse sind aber durchaus gesprächswertig: Das Forscherteam hat drei Probanden für insgesamt 16 Stunden in eine MRT-Röhre (MRT: Magnetresonanztomographie) geschoben und sie Podcasts und Hörbücher hören lassen. Die Computer-Algorithmen haben dann versucht, Muster zu erkennen zwischen dem gerade präsentierten Hörbuch- bzw. Podcasttext und dem Blutfluss im Gehirn. Die Algorithmen haben sich selbst angelernt.

Dieser Schritt war aber nur das Warmup, die Trainingseinheit sozusagen. Irgendwann war die Künstliche Intelligenz (KI) dann so gut trainiert, dass sie auch Gedanken identifizieren konnte, die nichts mit der Podcastbeschallung zu tun hatten.

Algorithmus kann den Sinn eines Satzes erkennen

Die Blutflussänderungen, die das MRT registriert, dauern Sekunden, schränken die Forschenden ein. Das Dekodieren von Neuronen-Aktivitäten im Gehirn müsste dagegen in einem Zeitfenster von Millisekunden erfolgen.

Dieser etwas träge Ansatz führt dann am Ende dazu, dass der Algorithmus nicht etwa ein einzelnes Wort dekodieren kann, sondern eher die übergeordneten Bedeutungen des Gedachten. In einigen Fällen analysierte die KI mithilfe des MRT aber erstaunlich gut den tatsächlichen Inhalt.

In einem Stummfilm zum Beispiel, den die Probanden sahen, wurde ein Mädchen niedergeschlagen. Die KI hat diesen Inhalt über die Analyse der Gehirnaktivitäten richtig erkannt.

"Das Dekodieren von Neuronen-Aktivitäten im Gehirn müsste in einem Zeitfenster von Millisekunden erfolgen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Hätte man vor 20 Jahren nach so einem Verfahren befragt, wäre man ausgelacht worden, schreibt einer der Forscher in Bezug auf die Bedeutung der neuen Untersuchung.

Die Forschenden haben in ihrer Studie auch Aussagen zur Privatsphäre getroffen. Die Kooperation der Versuchsperson war Voraussetzung. Die KI musste also individuell und aktiv mit jeder Person, die per MRT untersucht wurde, trainiert werden, um entsprechende Ergebnisse zu liefern.

Vorteil des neuen Ansatzes: Keine OP nötig

Es gibt auch parallele Forschungsansätze auf diesem Gebiet. Häufig greifen die Forschenden dabei aber auf invasive Methoden zurück: Sie implantieren einen Chip im Gehirn der Versuchsperson, um dann mit Hilfe der Signale des Gehirns Sprache oder auch Bilder zu rekonstruieren. Bei manchen Krankheiten kann das für Betroffene eine Hilfe sein.

Mit einem Implantat werden mehr Informationen im Gehirn ausgewertet als der MRT das vermag. Bei diesem ist aber keine Operation nötig.

"Gedankenlesen-Geräte gibt es nicht ab morgen im Elektronikfachhandel."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Alltagstauglich ist das Ganze noch lange nicht. Bis wir uns Gedankenleser im Elektronikfachhandel besorgen können, wird es also noch dauern - falls es sie denn jemals geben wird.

  • Kurz und Heute
  • Moderation:  Thilo Jahn
  • Gesprächspartner:  Andreas Noll, Deutschlandfunk Nova