Wer wusste wann, dass die Menschheit die Erde spürbar aufheizt durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas? Nicht nur Forschende haben die Erderwärmung schon vor Jahrzehnten kommen sehen, sondern auch Ölkonzerne wie Exxon Mobil wussten lange Bescheid. Wie gut das Unternehmen genau informiert war, das beschreibt eine neue Studie im Fachmagazin Science.

Der Mineralölkonzern Exxon Mobil hieß früher nur Exxon und ist eine der größten Erdöl-Raffinerie-Gesellschaften - sie gehört heute zu den zwölf umsatzstärksten Unternehmen weltweit.

Vor einigen Jahren haben investigative Journalistinnen und Journalisten Dokumente des Konzern aus den 1970er Jahren veröffentlicht. Die Dokumente waren damals ausgewertet worden und zeigten, dass Exxon Mobil früh Bescheid wusste, dass beim Verbrennen von Öl und anderen fossilen Brennstoffen Treibhausgase wie Kohlendioxid entstehen, dass diese in der Atmosphäre die Erde erwärmen und dass das schon "vor 2050 zu dramatischen Folgen" führen könnte.

"Da gab es 2016 öffentliche Proteste unter dem Hashtag #Exxonknew."
Anne Preger, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Jetzt hat eine Umwelthistorikerin von der Universität Harvard zusammen mit zwei Kollegen die Daten und Modelle aus den internen Dokumenten noch einmal neu ausgewertet. Dabei kam noch mehr heraus: Ab 1977 bereits haben Wissenschaftler*innen im Auftrag von Exxon Mobil simuliert, wie stark sich die Erde – aufgrund von Treibhausgasen aus Fahrzeugen und Schornsteinen – erwärmen könnte. Ende der 70er Jahre war eine weltweite Temperaturerhöhung noch gar nicht richtig messbar. Aber es ging bei den Modellen um geschätzte Vorhersagen für die Zukunft.

Wenn man diese Exxon-Vorhersagen von damals mit der heute gemessenen Erwärmung von weltweit etwa einem Grad seit 1980 vergleicht, dann waren die Exxon-Prognosen offenbar erstaunlich präzise, erklärt Anne Preger von den Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten: "Die haben besagt: Etwa 0,2 Grad wird es auf der Erde pro Jahrzehnt durch menschliche Aktivitäten wärmer."

Die Prognosen waren sogar teilweise besser als das, was etwa der NASA-Forscher James Hansen 1988 im US-Kongress vorgestellt hat. Dieses Jahr gilt als der Zeitpunkt, an dem die Politik zunehmend ein Problembewusstsein für Klimathemen entwickelt hat.

Lobby gegen Klimaschützer wider besseren Wissens

Konzerne wie Exxon Mobil wussten jedoch nicht nur extrem gut Bescheid über den Klimawandel, den ihre eigenen Produkte beschleunigen. Sondern hinzu kommt, dass der Konzern wider dieses besseren Wissens Jahrzehnte lang den Klimawandel in der Öffentlichkeit heruntergespielt hat.

In dem aktuellen Artikel im Wissenschaftsmagazin Science zitiert das Forschungsteam auch Vertreter des Unternehmens, die noch bis 2013 in der Öffentlichkeit Zweifel am menschengemachten Klimawandel gesät haben. Die Vertreter erweckten damit den Eindruck, dass es bei der Erderwärmung in der Forschung immer noch große Unsicherheiten gebe – und das zu einem Zeitpunkt, als in der Wissenschaft bereits große Einigkeit über den Schaden herrschte. Der Konzern verantwortet darüber hinaus Lobbyarbeit gegen Klimaschutzmaßnahmen.

2016 sah sich Exxon in der Opferrolle

Aktuelle Statements von Exxon Mobil zu der Kritik aus dem Science-Artikel sind bisher nicht zu finden (Stand: 16.1.2023). Aber, so Anne Preger: "Exxon hat sich vor ein paar Jahren geäußert, als es diese Welle an Kritik mit #Exxonknew gab.

Damals hat das Unternehmen nicht bestritten, dass die internen Dokumente echt sind, sie haben sich aber als Opfer einer 'orchestrierten Kampagne' dargestellt und gesagt, dass ein falscher Anschein erweckt würde, dass das Unternehmen die Öffentlichkeit getäuscht hätte."

Neues Futter für laufende Klagen

Die neuen Details dazu, wie gut das Unternehmen wusste, dass seine Produkte den Klimawandel vorantreiben, könnten möglicherweise Gerichte interessieren. In den USA laufen derzeit bereits mehrere Verfahren gegen den Mineralölkonzern Exxon Mobil. Der US-Bundesstaat New Jersey etwa hat das Unternehmen auf Schadensersatz verklagt, denn New Jersey ist schon jetzt stark von Folgen des Klimawandels betroffen – unter anderem durch den Anstieg des Meeresspiegels und extreme Wettereignisse wie Hurrikans mit Sturmfluten (Sandy, 2012).

Die erneute Auswertung der alten Daten liefert möglicherweise frisches Material für die laufenden Klagen.

  • Moderatorin:  Anke van de Weyer
  • Gesprächspartnerin:  Anne Preger, Deutschlandfunk Nova