Weltweit steigen die Militärausgaben. Das bedeutet: In der Rüstungsindustrie gibt es große Nachfrage. Deswegen braucht sie nun mehr Personal, vor allem Fachkräfte. Und die sind gar nicht so einfach zu bekommen.

Staaten haben im vergangenen Jahr knapp zwei Billionen Euro in ihre Streitkräfte investiert. Das ist Rekord bei den Militärausgaben, sagt das Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm in seinem aktuellen Bericht. Auch in Deutschland wurde viel Geld für die Rüstung Aussicht gestellt. Für die Rüstungsindustrie heißt das, dass die Geschäfte in den nächsten Jahren brummen werden.

"Wir haben einen klassischen Arbeitnehmermarkt", sagt Eva Brückner. Sie arbeitet in der Personalabteilung Heinrich und Coll und kümmert sich darum, Mitarbeitende für die Rüstungsindustrie zu finden. Für die Arbeitgeber sei es eine schwierige Situation, weil sie sehr viel Personal für ihre Entwicklungsabteilungen benötigen. Und weil es in diesem Bereich mehr Stellen als Arbeitnehmer gibt, können die sich ihre Jobs aussuchen.

"Die brauchen vor allem viele gut ausgebildete Ingenieure und davon gibt es nicht so viele. Und die, die es gibt, die können sich aussuchen, wo sie hingehen."
Eva Brückner, Recruiterin

Eva Brückners Aufgabe ist es nun, für die Kunden, also die Unternehmen aus der Rüstungsindustrie, geeignete Mitarbeiter zu finden. "Wir werben für die an, und dieses Werben heißt nicht nur, wir sprechen Leute an, sondern wir werben richtig für den Kunden. Was gibt der alles? Was kann der alles leisten, wo ist der besonders gut? Damit zieht man vor allem dann auch diejenigen, die natürlich technisch interessiert sind", sagt sie.

"Man kann nicht sagen: Ich spreche jetzt drei Leute an, und einer davon nimmt dann den Job. Weit gefehlt. Also wir sprechen mit 300 Leuten, um einen zu besetzen."
Eva Brückner, Recruiterin

Das Hauptargument ist meist die Technik, sagt Eva Brückner, danach erst gehe meist ums Gehalt oder um Möglichkeiten, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Und in diesem Punkt sei die Rüstungsindustrie oft im Nachteil, so die Recruiterin. Homeoffice etwa sei seit Corona oft ein Thema. "Aber wir können es oft nicht so bieten, weil es einfach sicherheitstechnisch schwierig ist, viele Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken", sagt sie.

Gesucht würden neben Ingenieuren auch Programm-Manager, Wirtschaftsingenieure oder BWLer. Auch im Vertrieb und im kaufmännischen Bereich brauchen die Unternehmen neue Mitarbeiter.

"Da gibt es einen massiven Fachkräftemangel, aber das merken die Unternehmen schon seit ungefähr zwei, drei Jahren."
Eva Brückner, Recruiterin

Bereits seit einigen Jahren gebe es diesen Fachkräftemangel. Die großen Investitionen in Militär und Waffen, die jetzt gerade angeschoben werden – wie etwa das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr, das Kanzler Olaf Scholz angekündigt hat – seien noch lange nicht in der Rüstungsindustrie angekommen. Das könne ein paar Jahre dauern, sagt Eva Brückner.

"Man hat ja einen relativ langen Beschaffungsprozess. Da spielt die Regierung eine große Rolle, da spielen aber auch die Beschaffungsämter eine große Rolle, bis die Aufträge an die Firmen gehen und die dann wiederum für diese Aufträge neues Personal einstellen. Das dauert zwei, drei Jahre, würde ich mal schätzen", so die Recruiterin.

Moralische Fragen im Anwerbungsgespräch

Bei den Anwerbungsgesprächen gehe es neben Geld und Familienfreundlichkeit auch um moralische Aspekte. "Das spielt eine ganz große Rolle, vor allem dann, wenn wir Personen aus anderen Branchen anwerben", erklärt Eva Brückner.

Wenn sie mit Leuten spreche, die aus der Automobilbranche kommen, die oft gute Skills mitbringen, dann müsse vorher genau darüber diskutiert werden, was es eigentlich bedeutet, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten. "Und es reicht nicht, wenn jemand sagt: 'Ich kann mir das vorstellen, für die Verteidigungsindustrie zu arbeiten.' Da muss man schon mehr tiefer gehen", sagt sie.

Eva Brückner sagt, ihre Lieblingsfrage sei die folgende: "Stellen Sie sich vor, sie holen ihren Sohn, ihre Tochter aus dem Kindergarten ab, und der Freund sagt: 'Mensch, dein Papa baut ja Panzer!'" Wenn Fragen von anderen Eltern kommen, müsse man darauf vorbereitet sein.

Sie weiß, dass sie mit der Rüstungsindustrie keine Arbeitgeber vermittelt, mit denen man auf einer Party angeben kann. Solch ein Job erfordere viel Verschwiegenheit – und über diese Grundsatzfragen müssten mögliche Kandidaten sich vorher auf jeden Fall Gedanken gemacht haben.

  • Moderatorin:  Sonja Meschkat
  • Gesprächspartnerin:  Eva Brückner, Recruiterin bei der Personalberatung Heinrich & Coll