Während Restaurants und Bars seit dem Beginn der Corona-Krise schließen mussten, waren die Fahrradläden immer geöffnet. Der Ansturm war deshalb groß. Jetzt kämpfen viele von ihnen mit Lieferengpässen und Reparaturstaus.

Eigentlich wollte Richard sein neues Fahrrad für die Arbeit in einem anderen Laden kaufen. Da bekam er vor ein paar Tagen einen Anruf, dass das Rad ausverkauft sei. Jetzt steht er vor der Radspannerei in Berlin Kreuzberg und wartet, dass er als nächster eintreten darf. Denn hier gibt es noch genau ein Fahrrad in seiner Größe. Glück gehabt.

Viele andere Fahrradbegeisterte gehen derzeit leer aus, sei es beim Kauf eines neuen oder bei der Reparatur des alten Rads. Zu Beginn der Corona-Pandemie waren die Lager noch gefüllt, doch nun lichten sich die Reihen in der Radspannerei, erzählt Verkäufer Jan. Vor allem die Lieferung von Ersatzteilen verläuft derzeit nur sehr schleppend.

"Wir sind ziemlich leergekauft und haben auch massive Probleme nachzuordern."
Jan, Verkäufer in der Radspinnerei

Von Beginn an viel zu tun

Eine Corona-Pause, wie bei vielen anderen Branchen, gab es für die Fahrradläden in Berlin nicht. Sie zählen zu den systemrelevanten Einrichtungen. Und von Anfang an war "tierisch viel los", sagt Jan. Für das Team war und ist das mitunter eine sehr anstrengende Zeit.

"Alle Leute gehen hier ganz schön auf dem Zahnfleisch. Es ist schon anstrengend. Die Corona-Pause hat es für uns nie gegeben."
Jan, Verkäufer in der Radspinnerei

Dazu kam noch der Stress, dass Fahrradhersteller schon im April Vorwarnungen rausgaben, dass es bald zu Lieferschwierigkeiten kommen könnte.

Räder und Ersatzteile kaum lieferbar

Ein Grund, warum es zu Lieferschwierigkeiten in den letzten Wochen gekommen ist: Einige Fahrradhersteller arbeiten derzeit im Schichtbetrieb, erzählt Jan. Die Belegschaft wurde also in zwei Gruppen aufgeteilt, die nur abwechselnd arbeiten dürfen, um das Infektionsrisiko so klein wie möglich zu halten. Das bedeutet aber auch, dass die Anzahl der produzierten Räder pro Woche dadurch geringer wird.

Enormer Bedarf an Reparaturen

Nicht nur die Nachfrage nach neuen Rädern, sondern auch nach Reparaturen ist weiterhin sehr hoch, sagt Jan von der Radspannerei. Für Kunden, die ihre Räder in ihrem Laden gekauft haben, werden die Reparaturwünsche noch angenommen, für alle anderen heißt es derzeit: einen neuen Laden suchen.

"Es gibt nach wie vor ein riesigen Bedarf an Reparaturen. Auch wir mussten durch den Ansturm leider sagen: 'Sorry, wir können keine externen Sachen mehr annehmen.'"
Jan, Verkäufer in der Radspinnerei

Oft schickt die Radspannerei ihre Kunden deshalb mit Reparaturaufträgen weiter zu Thomas Müller. Er besitzt in der Nähe den Fahrradsalon. Hier werden nur gebrauchte Räder verkauft oder aufgearbeitet. Als die Corona-Beschränkungen eintraten, war auch bei ihm sehr viel los. Vor allem die Räder unter 100 Euro gingen sofort weg, erinnert sich Thomas Müller. Seitdem werden nicht mehr so viele Räder gekauft, dafür läuft das Geschäft mit den Reparaturen sehr gut.

Ersatzteile aus alten Rädern

Doch auch Thomas Müller hat die Lieferengpässe bei Ersatzteilen stark zu spüren bekommen. Deshalb werden jetzt die ältesten Räder aus dem Hinterhof hervorgeholt.

"Mit Reparaturen haben wir wahnsinnig viel zu tun. Da werden die ältesten Krücken aus den Hinterhöfen geholt und reanimiert."
Thomas Müller, Besitzer des Fahrradsalon

Sein Trick, um nicht auf die Lieferungen angewiesen zu sein: Er baut die gesuchten Bestandteile einfach aus seinen ältesten Fahrrädern aus und in die neuen Räder ein. Das ist meistens sogar noch eine bessere Qualität als die "Billigteile aus China", sagt Thomas Müller.