Sie fordert ein Hundeverbot, umarmt Menschen auf einer Wahlveranstaltung ohne Maske, und da wären noch Nacktfotos – all diese Nachrichten über die Kanzlerkandidatin der Grünen sind fake. Es war davon auszugehen, dass die Kandidatur auch missgünstige Menschen auf den Plan rufen würde, doch über das Ausmaß wundert sich auch Kommunikationswissenschaftlerin Viorela Dan.

Es gibt kaum etwas, was über Annalena Baerbock im Netz noch nicht diskutiert wurde: ihr Aussehen, ihre Partnerschaft oder auch die Ernsthaftigkeit ihres Studiumabschlusses. Um Falschmeldungen darunter als solche erkennbar zu machen, haben die Grünen inzwischen eine Netzfeuerwehr eingerichtet, die auf falsche und beleidigende Postings reagiert.

"Es hat mich nicht grundsätzlich überrascht, dass es Falschmeldungen über Annalena Baerbock gab. Aber dass es ausgerechnet sie so heftig trifft, das schon."
Viorela Dan, Kommunikationswissenschaftlerin

Die Kommunikationswissenschaftlerin Viorela Dan forscht an der Ludiwg-Maximilians-Universität in München zu Fake News. Über die Heftigkeit und das Ausmaß der Falschmeldungen über die Kanzlerkandidatin wundert sie sich – vor allem über die gefälschten Nacktbilder.

Finanzielle und politische Interessen hinter Fake News

Fake News aller Art erleben derzeit Konjunktur. Hinter ihrer Verbreitung stecken oft finanzielle Interessen, erklärt die Expertin. Denn gerade bei höchst brisanten Meldungen, die Millionen von Klicks generieren, lasse sich viel Geld mit davor geschalteter Werbung verdienen.

Das Motiv schließt sie bei den Falschmeldungen über Annalena Baerbock aber eher aus. Dafür haben sich die Fake News nicht weit genug verbreitet. Wahrscheinlicher seien daher politische Interessen: Menschen die verhindern wollen, dass Annalena Baerbock tatsächlich als Kanzlerin gewählt wird, verbreiten demnach Informationen, die sie als besonders ungeeignet für das Amt erscheinen lassen.

"Wer verhindern will, dass sie tatsächlich die Bundestagswahl gewinnt, wird besonders motiviert sein, Fehlinformationen zu verbreiten."
Viorela Dan, Kommunikationswissenschaftlerin

Es gibt auch noch einen dritten möglichen Grund, über den die Forschung allerdings erst wenig weiß, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. Manche Menschen haben scheinbar Spaß daran, Feuer zu legen und die Gemüter zu erhitzen – ohne konkretes Interesse. Sie freuten sich einfach darüber, dass die Verbreitung der Fake News gelinge.

Mehrere Kriterien, die Missgunst hervorrufen

Es lässt sich nur vermuten, warum es ausgerechnet Annalena Baerbock so heftig trifft. Viorela Dan meint: Sie vereint mehrere Kriterien, die Missgunst hervorrufen können. Oft war zu hören, dass sie besonders jung sei für die Macht, die ihr in Aussicht gestellt wird. Außerdem gelte Annalena Baerbock als überdurchschnittlich attraktiv und ist Mitglied der Grünen – einer Partei, die polarisiert und von den Gegnern als Verbotspartei stilisiert werde.

"Ich glaube nicht, dass sich das allein auf die Tatsache zurückführen lässt, dass Annalena Baerbock eine Frau ist."
Viorela Dan, Kommunikationswissenschaftlerin

Die Expertin glaubt allerdings nicht, dass die Benachteiligung allein auf Baerbocks Geschlecht zurückzuführen ist. So habe die Medienwelt in den Fällen von Robert Habeck, Christian Lindner oder Justin Trudeau zum Beispiel ähnlich viel über deren Attraktivität berichtet.