Mit Erinnerungen ist das so eine Sache – manche Dinge sind genauso passiert, bei anderen Ereignissen kann uns die Erinnerung auch einen Streich spielen. Eine Forscherin der Fern-Uni Hagen hat jetzt eine Methode entwickelt, mit der wir falsche Erinnerungen erkennen könnten.

Wenn wir eine Geschichte aus dem Urlaub spektakulärer in Erinnerung behalten, als sie eigentlich war und sie so auch weitererzählen, dann ist das zwar ein bisschen wie unbewusstes Flunkern, aber nicht weiter problematisch. Anders sieht es aus, wenn es um Zeugenaussagen vor Gericht geht. Wie soll ein Richter oder eine Richterin eine falsche von einer echten Erinnerung unterscheiden, wenn Zeugen die falsche Erinnerung selbst für wahr halten?

Die Forscherin Aileen Oeberst der Fern-Uni-Hagen hat sich diesem Problem gewidmet und zusammen mit einem kleinen Forschungsteam einen relativ einfachen Lösungsansatz gefunden, wie falsche Erinnerungen erkannt werden können.

Suggestiv-Fragen können falsche Erinnerungen erzeugen

Doch zunächst erstmal: Wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen vor Gericht eine falsche Erinnerung teilen? Unter anderem kann das durch suggestives Fragen entstehen, wenn beispielsweise ein Polizist eine Person als Zeugin vernimmt und nicht fragt: "Was haben sie gesehen?", sondern "Haben Sie gesehen, welche Gegenstände Person XY entwendet hat?" – und das obwohl noch gar nicht feststeht, dass überhaupt gestohlen wurde.

Wenn die Befragung mit diesen Fragen weitergeführt wird, stellt ein Zeuge am Ende gar nicht mehr infrage, dass Person XY ein Dieb ist. Dementsprechend fällt dann auch die Aussage vor Gericht am Ende aus.
Nachdenkliche Frau mit Brille.

Doppelblindstudie mit Fake-Erinnerungen

Nach diesem Prinzip sind auch die Forschenden in ihrem Experiment vorgegangen. Denn bevor sie helfen konnten, falsche Erinnerungen zu erkennen, mussten sie diese erstmal erzeugen. Um das besonders glaubwürdig zu gestalten, wurden die Eltern der Probandinnen und Probanden gebeten, ihnen echte Erlebnisse aus ihrer Kindheit zu erzählen und darunter auch falsche aber durchaus glaubwürdige Erlebnisse unterzumischen.

Danach haben die Interviewer, die selbst nicht wussten, welche Erinnerung falsch oder echt ist, die Probandinnen und Probanden zu den Erinnerungen befragt. Diese Art der Studie nennt man auch "Doppelblindstudie". Am Ende glaubten mehr als die Hälfte der Befragten, dass sie auch die falschen Erinnerungen wirklich erlebt hatten, wenn danach stark suggeriert gefragt wurde. Bei einer abgeschwächt suggestiven Fragerunde glaubte noch ein Viertel an die Fake-Erinnerungen.

Die Frage nach der Quelle

Um den Probandinnen und Probanden danach auf die Sprünge zu helfen, haben die Forschenden zunächst die Testpersonen aufgefordert, sich einige Fragen zu stellen: Aus welcher Quelle stammt die Erinnerung? Aus einer externen Quelle wie einem Foto oder einer weiteren Person oder aus der eigenen Erinnerung? Viele konnten dadurch bereits die falschen Erinnerungen entlarven.

"Zuerst haben sie alle ermuntert, mal zu überlegen, aus welcher Quelle ihre Erinnerungen stammten – also ob die aus ihrer eigenen Erinnerung kommen oder extern."
Anne Tepper, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

In einer zweiten Methode hat das Forschungsteam die Probandinnen und Probanden prinzipiell auf das Konzept der Schein-Erinnerungen aufmerksam gemacht – ohne zu verraten, welche ihrer Erinnerungen gefakt waren. Danach glaubten nur noch halb so viele Personen, dass die falschen Erinnerungen echt waren als davor.

Umsetzbare, aber nicht ganz effektive Methode

Für Kriminalprozesse hätte diese Fragenmethode den Vorteil, leicht umsetzbar zu sein. Allerdings: Ein Jahr nach den Befragungen der Forschenden haben noch gut ein Viertel der Befragten ihre falschen Erinnerungen immer noch nicht komplett verworfen. Einige der Befragten hatten immer noch das Gefühl, sich tatsächlich an das nie Erlebte erinnern zu können.