Der jüngste Corona-Hotspot in Deutschland ist Garmisch-Partenkirchen. Und verantwortlich dafür war höchstwahrscheinlich eine Superspreaderin. Eine Frau kam aus dem Urlaub zurück, hat sich testen lassen und obwohl das Ergebnis noch nicht da war, ist sie feiern gegangen. Sind wir einfach zu leichtsinnig im Umgang mit dem Virus? Unser Reporter hat sich mit dieser Frage beschäftigt.

Die Frau in Garmisch-Partenkirchen ist übrigens Feiern gegangen, obwohl sie schon Symptome hatte. Und dabei hat sie so viele Leute angesteckt, dass der Ort jetzt über die problematische Zahl von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner kommt.

Die Geschichte ist kein Einzelbeispiel für leichtsinniges Verhalten. Nachdem im März die Clubs und Bars in Berlin wegen Corona zumachen mussten, sind die Menschen mit Partylaune in den Park gegangen. Zwar sind die Feiernden draußen an der frischen Luft, aber an den Mindestabstand beim Tanzen und nicht aus der selben Flasche zu trinken denken die wenigsten.

Sorglosigkeit auch beim Urlaubmachen

Auch in Bezug auf Urlaub nehmen viele die Pandemie nicht mehr ganz so ernst. Wir steigen bedenkenlos in den Flieger und setzen uns der Gefahr aus, dass der Mensch auf dem Nachbarsessel das Virus hat. Oder wir fahren an den Strand, der picke-packe-voll ist.

Wir schätzen Risiken falsch ein

Nach über einem halben Jahr mit dem Virus werden einige von und also anscheinend nachlässiger. Psychologen erklären das mit dem Präventionsparadoxon. Das Problem: Die wenigsten von uns kennen persönlich jemanden, der oder die tatsächlich an Covid-19 erkrankt ist. Die meisten kennen nur Geschichten aus den Medien.

Ähnlich dem Spruch "Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht" gehen wir auch mit Risiken um, sagt die Psychologin Laura Klimecki: "Was wir nicht selber gesehen oder erlebt haben, glauben wir nicht. Insofern schätzen wir dann Risiken falsch ein."

"Der Glaube, dass man denkt, man ist unverwundbar, ist eben ein Irrtum, ein Bias, eine Fehlwahrnehmung."
Laura Klimecki, Psychologin

In Deutschland leben rund 80 Millionen Menschen. Laut Robert-Koch-Institut wurden bisher aber nur etwas mehr als 260.000 Coronainfektionen gezählt. Das heißt, nur rund 0,3 Prozent der Bevölkerung haben sich mit dem Virus angesteckt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir jemanden kennen, der Corona hat oder hatte, ist gering. Leichtsinn ist die Folge unserer selektiven Wahrnehmung, meint Laura Klimecki.

Goldene Mitte zwischen unter- und überschätzen

Wer jetzt denkt, das Beste wäre es, wenn jeder und jede mal einen Infizierten kennt, der irrt sich. Denn genau so, wie wir Risiken bei Unwissen unterschätzen, können wir die Risiken durch eine gewisse Nähe auch überschätzen, erklärt Laura Klimecki: "Dann passiert genau das Gegenteil, wir überschätzen das Risiko wieder, weil wir einen persönlichen Bezug haben." Und je enger der Bezug ist –also zum Beispiel ein enger Freund oder die eigenen Eltern oder Großeltern – desto krasser wirkt es sich auf unsere Risiko-Wahrnehmung aus.


Ein gesundes Mittelmaß zu finden ist also schwierig. Aber im Fall von Corona ist Vorsicht vielleicht wirklich besser als Nachsicht. Das zeigt auch der Fall von Garmisch-Patenkirchen. Denn abgesehen davon, dass jetzt viele Menschen unter der Leichtsinnigkeit einer einzelnen Person zu leiden haben, kann es für die Superspreaderin auch noch teuer werden. Ihr droht jetzt eine Geldstrafe von bis zu 2.000 Euro.