Der Chinese Ai Weiwei ist nicht nur ein absoluter Ausnahmekünstler - er ist auch Menschenrechtler und Aktivist. Seine Doku "Human Flow" führt uns die Situation von rund 65 Millionen Flüchtlingen weltweit vor Augen. Er begleitet sie ein Stück ihrer Reise und macht tausende Einzelschicksale im Film zu der großen globalen Herausforderung dieses Planeten, die sie sind. Wir haben eines der seltenen Interviews mit ihm führen können.

Ai Weiwei weiß, wovon er spricht: Als Regimekritiker Chinas und Dissident hatte er selbst zwischen 2011 und 2015 Ausreiseverbot, saß mehrfach in Haft und lebt nun seit 2015 dauerhaft in Berlin im Exil, wo er ein großes Atelier leitet. 

Durch sein künstlerisches Schaffen ist ihm die globale Flüchtlingssituation ein dringendes Anliegen geworden - schon in mehreren Arbeiten hat er sich damit befasst. Zum Beispiel legte er sich 2016 wie ein Toter an den Strand von Lesbos und lies sich in dieser Pose fotografieren. Die Aktion war nicht unumstritten. Kritiker warfen ihm Zynismus vor.

Empathischer Blick auf Flüchtlingsströme

Für seine Dokumentation "Human Flow" hat Ai Weiwei 23 Länder der Erde bereist, darunter Afghanistan, Kenia, Griechenland, Türkei, Irak, Serbien, Mexiko oder auch Deutschland. Mit Handkameras, Handys und Drohnen wurde gefilmt. Seine Doku zeigt: Flüchtlinge gibt es nicht nur punktuell hier und dort. Es gibt sie überall, es gibt sie immer.

"Da hat einer die Kamera in die Realität gehalten und reibt euch die Wahrheit jetzt wie mit Seife in die Augen. Das brennt."
Tom Westerholt, Deutschlandfunk-Nova-Filmexperte
Zwei Männer auf einem Selfie
© Tom Westerholt | Deutschlandfunk Nova
Ai Weiwei im Selfie, mit unserem Moderator Tom Westerholt.

"Diese Doku macht dich fertig", sagt unser Filmexperte Tom Westerholt. Und trotzdem empfiehlt er uns, die knapp dreistündige "Seelentortur", wie er es nennt, anzuschauen. Denn: Es sei doch das absolut Mindeste, zu wissen, was derzeit abgeht auf unserem Planeten, meint Tom. Ihm gefällt, dass Ai Weiei ohne erhobenen Zeigefinger an das Thema herangeht.

"Du kannst nicht einfach sagen: Das alles ist so kompliziert, ich verstehe das nicht. Es liegt an jedem von uns, wie vernünftig wir uns verhalten und wie effektiv wir diese Art menschlichen Blutens stoppen können."
Ai Weiwei, Künstler und Menschenrechtler

Für Europa, sagt Ai Weiwei, ist die Flüchtlingsbewegung eine große Herausforderung. Im Interview spricht er über die Verwahrung von Flüchtlingen in Camps und darüber, wie er sich selbst als Künstler sieht.

Er hinterfrage sich ständig selbst, sagt Ai Weiei - und fragt sich, wie weit er gehen kann. Weil auch schon sein Vater in China als Staatsfeind kritisiert wurde, weiß er, wie es sich anfühlt, von anderen abgelehnt zu werden: "Ich weiß nicht, ob das Glück oder Pech ist, aber es macht es für mich einfacher, Flüchtlinge zu verstehen."

Außerdem in Eine Stunde Film:

  • Anna Wollner erklärt uns, warum mit "The Big Sick" die Romantische Komödie gerettet wurde. Auch wenn es darin - nicht gerade innovativ - um die Beziehung eines pakistanischen Comedian und einer US-Studentin geht, die auf die Probe gestellt wird, als sie plötzlich schwer erkrankt.
  • Außerdem neu im Kino ist "Happy Deathday", eine Horror-Trash-Komödie. Beschreiben würden wir sie als eine Mischung aus "Scream", "Und täglich grüßt das Murmeltier" und "Final Destination". In den USA entwickelt sie sich gerade zum totalen Überraschungshit. Ob zu Recht oder Unrecht, klären wir.