Die Gründe für Syrien-Flüchtlinge, gerade jetzt ihren beschwerlichen Weg nach Europa anzutreten, sind vielfältig. Ein Hauptgrund ist die Situation in den Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon und in Jordanien. Die meisten Flüchtlinge beginnen ihre Reise von dort - aus Syrien sind sie schon lange weg.

Die Zustände in den überfüllten Flüchtlingslagern rund um Syrien sind für viele Vertriebene kaum zu ertragen: Perspektivlosigkeit, mangelhafte Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Gebrauchs. Unser Nahost-Korrespondent Björn Blaschke hat uns die Lage in den Flüchtlingslagern im Libanon und in Jordanien beschrieben. Der Unterschied sei immens.

Jordanien bemüht sich

"Jordanien hat zwei der Vorzeige-Flüchtlingslager schlechthin. In dem größten wurden zeitweise wohl bis zu 500.000 Menschen untergebracht. Da gibt es mittlerweile Straßen und Supermärkte."
Björn Blaschke, Nahost-Korrespondent

Die Syrer in Jordanien sind recht gut untergebracht. Man möchte ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen - auch um zu verhindern, dass sie sich radikalisieren. Viele Flüchtlinge sind in Jordanien auch in privaten Häusern untergekommen.

Schwierige Lage im Libanon

Im Libanon hat sich die Regierung dazu entschieden, keine offiziellen Flüchtlingslager einzurichten. Es gibt nur informelle Lager, das sind beispielsweise Ackerflächen, die Bauern an Flüchtlinge verpachten.

"Dort stehen bestenfalls Zelte, ich habe aber auch gesehen, wie sich Flüchtlinge Hütten aus Plastiktüten und Pappe bauen. Statt Toiletten werden Latrinen gebuddelt."
Björn Blaschke

Dass die libanesische Regierung sich gegen offizielle Flüchtlingslager entschieden hat, habe mit Erfahrungen zu tun, die das Land in der Vergangenheit gemacht habe, sagt Blaschke: Viele Flüchtlinge aus Palästina sind seit der Staatsgründung Israels 1948 in das Land gekommen.

"Die mittlerweile zwölf Flüchtlingslager, die sich im Laufe der Jahre im Libanon gebildet haben, sind mittlerweile selbst Städte geworden. Die Bevölkerung hat das sehr durcheinandergebracht."
Björn Blaschke

Es gibt dort ein sehr sensibles Bevölkerungsgemisch aus sunnitischen und schiitischen Muslimen, Drusen und verschiedenen Christen-Gruppen. Die Flüchtlinge, die es sich leisten können, könnten sich aber auch im Libanon in privaten Unterkünften einmieten, sagt Björn Blaschke.

"Die libanesische Regierung spricht von etwa zwei Millionen registrierten und nicht registrierten Flüchtlingen. Bei vier Millionen Einwohnern ist das die Hälfte der Bevölkerung, die noch mal dazugekommen ist."
Björn Blaschke

Dafür geht die Bevölkerung sehr gut damit um, sagt Björn Blaschke. Libanon sei kein reiches Land. Die Ausschreitungen hielten sich seinen Beobachtungen nach in Grenzen. Auch in Jordanien habe man bisher ein solidarisches Verhalten gezeigt.

Und warum kommen die Flüchtlinge gerade jetzt?

Den Organisationen der Vereinten Nationen geht das Geld aus. Das World Food Programme hat gerade bekanntgegeben, dass sie den Flüchtlingen momentan nur 13 bis 14 US-Dollar im Monat geben können. Das sind ungefähr 50 Cent pro Tag und Mensch. Unter diesen Bedingungen können die Menschen nicht mehr leben.

"Viele nehmen die Kinder von den Schulen, damit sie arbeiten gehen. Andere verheiraten ihre Töchter - nur damit sie nicht mehr in ihrem Haushalt essen müssen. Das ist ein großer Akt der Verzweiflung."
Björn Blaschke